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Das Märchen vom bösen Abtrünnigen

Es war einmal ein Märchen, das gar nicht mit den Worten »es war einmal« begann. Denn seine Erfinder wollten gar nicht, dass es als Märchen erkannt wird. Wo immer sie es schrieben oder erzählten, taten sie daher so, als handele es sich um Tatsachen und nicht um ein Märchen.

Das Märchen handelt vom »bösen Abtrünnigen«. Wo immer in Zusammenkünften oder Publikationen der Zeugen Jehovas vor Gegnern und Abtrünnigen gewarnt wird, werden diesen gewöhnlich niedere Motive unterstellt. Sie würden angeblich in bösartiger Weise Lügen und Halbwahrheiten über Jehovas Organisation verbreiten, nur um möglichst viele ihrer ehemaligen Brüder mit in die Vernichtung reißen zu können. Ihr Verhalten diene Satan dem Teufel, der ja bekanntlich ›umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, jemand zu verschlingen‹ (1. Petrus 5:8).

Auf diese Weise wird jeder Zeuge Jehovas regelmäßig gegen sämtliche Kritik an Lehre und Verhalten der Wachtturm-Gesellschaft immunisiert. Wer will sich schon gerne von Satan ›verschlingen‹ lassen? Wer will vom Weg des Lebens in die Vernichtung gerissen werden? Daher bloß nicht mit Kritik auseinandersetzen oder sich mit Fehlern der Wachtturm-Gesellschaft befassen! Da es »Jehovas Organisation« ist, KANN es nach Meinung des Zeugen Jehovas gar keinen Grund zur Kritik geben. Alle vorgetragenen Kritikpunkte MÜSSEN seinem Empfinden nach unbegründet sein. Die Kritiker MÜSSEN daher niedere Beweggründe haben oder von Satan verblendet worden sein, wenn sie nicht einfach uninformiert sind. Bei Ex-Zeugen ist wohl das erste anzunehmen, während man bei ›weltichen‹ Kritikern hoffen kann, dass nicht Boshaftigkeit der Grund für die Kritik ist, sondern nur mangelnde Information. Somit handeln »aktive Abtrünnige« (also gemäß WTG-Verständnis ehemalige Zeugen, die sich nun kritisch äußern) nach Einschätzung der meisten Zeugen wohl absichtlich böse, um der Organisation und den Zeugen Jehovas zu schaden.

Doch ist dies wirklich so? Inzwischen habe ich etliche Ex-Zeugen kennengelernt, die sich um Aufklärung der Öffentlichkeit und um Hilfestellung für zweifelnde Zeugen Jehovas bemühen. Ich habe auch einige der ›schlimmen‹ Bücher gelesen, die ich 20 Jahre lang nicht mal angefasst hätte. Und was kann ich Euch sagen? Der typische ZJ-Aussteiger, der heute über die Wachtturm-Gesellschaft informiert, hat ganz andere Motive. Ihn hat sein Gewissen getrieben, die Zeugen Jehovas zu verlassen, und er möchte anderen helfen, ebenfalls zu erkennen, was ihm als Irrtümer in Lehre und Handeln der Wachtturm-Gesellschaft aufgefallen ist.

Von dieser Aussteigergruppe liest und hört man in den Publikationen und Zusammenkünften der Zeugen natürlich so gut wie gar nichts. Lieber verbreitet man das Märchen vom gewissenlosen und bösen Abtrünnigen. Doch lassen wir einige von ihnen selbst zu Wort kommen:

Ein letzter Grund, der sich aus den beiden vorhergehenden ergibt, hat mit meinem Gewissen zu tun. Wie verhält man sich, wenn man die Beweise dafür sich auftürmen sieht, daß anderen Menschen zu Unrecht schwerster Schaden zugefügt wird? Welche Verpflichtung hat jeder von uns, vor Gott und vor dem Mitmenschen, wenn er mit ansehen muß, wie Menschen über Dinge in Unkenntnis gehalten werden, die für sie von allergrößter Bedeutung sind? Diese Fragen bewegten mich sehr.

(Raymond Franz, »Der Gewissenskonflikt«, Claudius Verlag 1996, S. 15)

Viele andere aus den Reihen der Zeugen Jehovas, die über all das, was ich hier vortrage, nichts wußten, sahen sich ebenso am Scheideweg angelangt und haben ihre Entscheidung einfach auf der Basis dessen gefällt, was sie in der Bibel lasen. Andere ringen zur Zeit noch mit ihrem Gewissen und haben ihre Entscheidung noch nicht treffen können; sie empfinden eine diffuse Angst oder gar Schuld. Es ist mein Wunsch, daß gerade ihnen dieses Buch eine Hilfe sein möge. Ihnen ist es verpflichtet. Mögen sie es verwenden, wozu ihr Gewissen sie treibt, während sie sich der Leitung des Geistes Gottes und seines Wortes unterstellen.

(Raymond Franz, »Der Gewissenskonflikt«, Claudius Verlag 1996, S. 44)

Nicht niedere Haß- oder Rachegefühle haben mich zum Schreiben bewogen, und ich verliere mich nicht in den kleinlichen, allzu menschlichen Klatsch, der in fast allen Versammlungen der Zeugen Jehovas in Umlauf ist. Ich greife niemand auf Grund seiner persönlichen Fehler und Schwächen an. Auch kann man jeden Menschen verleumden. Wer zur Verleumdung greift, zeigt die Schwäche seiner Position und seine Unaufrichtigkeit.

Ich bin bemüht, sachlich und ohne jede Polemik meine persönlichen Erfahrungen und Studienergebnisse darzulegen, um zu zeigen, wie die Zeugen Jehovas zu Unrecht in Gottes und Christi Namen einer übermächtigen Organisation dienen, die sie vollkommen in Bann geschlagen hat. Mit diesem Buche möchte ich mahnen und warnen, möchte helfen, die Wahrheit über Jehovas Zeugen zu verbreiten.

(Günther Pape, »Ich war Zeuge Jehovas«, 14. Auflage, Pattloch 1989, Vorwort)

Was hat mich bewogen, mich von der WTG abzukehren, die ZJ zu verlassen? Dies hat seinen Grund nicht darin, daß menschliches Fehlverhalten, persönliche Lebensprobleme oder Unstimmigkeiten mit irgendwelchen Funktionären der WTG mir die Freude und Bereitschaft zum Weitermachen genommen hätten - auch wenn manche dementsprechende Gerüchte verbreitet werden. Es hat sehr wesentlich seinen Grund in der Tatsache, daß ich Zugang zu Materialien fand, die mir das wahre Gesicht der »Organisation« zeigten. Dieses Buch ist nur ein schwacher Ausdruck dieser für mich sensationellen Entdeckung.

Tatsachen kann man verdrängen und verleugnen, aber man kann sie nicht widerlegen. Mancher mag meinen, dieses Buch stelle einen (böswilligen) Angriff auf die WTG dar. Das widerspricht aber meinem Anliegen. Allein das Bemühen um Wahrheit und um eventuelle Hilfeleistung für andere, die der WTG in allen ihren Aussagen blind vertrauen, waren der Grund, aus dem ich dies verfaßt habe. Wo um Wahrheit gerungen und für sie gekämpft wird, wird immer auch gegen Lüge und Irrtum angegangen werden müssen.

(Eckhard von Süsskind, »Zeugen Jehovas: Anspruch und Wirklichkeit der Wachtturm-Gesellschaft«, Hänssler-Verlag 1985, S. 116)

Die drei zitierten ehemaligen Zeugen Jehovas haben auch nach Verlassen der Wachtturm-Organisation dennoch ihren Glauben an Gott, Jesus Christus und die Bibel nicht aufgegeben, sondern als bekennende Christen sind sie davon überzeugt, Gott nun ohne die Bevormundung durch die Wachtturm-Gesellschaft umso besser dienen zu können. Im biblischen Sinne lässt sich daher der Vorwurf der Abtrünnigkeit gegenüber solchen Menschen wohl kaum begründen.

Andere wiederum (z. B. ich) haben sich ganz von einem Glauben an Gott gelöst oder sich ein nichtchristliches Weltbild zu eigen gemacht. Hier würde der Vorwurf der Abtrünnigkeit aus neutestamentarischer Sicht schon eher passen. Aber aus Sicht der Zeugen sind alle Ehemaligen, die nun die »Organisation« kritisieren, gleich abtrünnig - egal was sie nun glauben und warum sie gegangen sind. Mit solchen Personen muss aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft daher jeder Kontakt vermieden werden und ihre Schriften darf man als ZJ natürlich auch nicht lesen. Schon dies zeigt, dass die Bibelauslegung der WTG hauptsächlich den eigenen Interessen dient.

Was ist also dran an der Geschichte vom »bösen Abtrünnigen«? Nicht viel. Zwar kommt es durchaus vor, dass jemand nach dem Ausstieg eine gewisse »Hass-Phase« durchlebt, in der zornig daruf ist, viele Jahre seines Lebens an eine Illusion verschwendet zu haben. Je nach Naturell und je nach Ablauf des Ausstiegs fällt diese Phase unterschiedlich intensiv aus. Der eine hält es vielleicht für eigene Dummheit, sich in der Ideologie einer Endzeitsekte verstrickt zu haben. Ein anderer ist vielleicht davon überzeugt, von den »Sektenhäuptlingen« absichtlich angelogen geworden zu sein. Demnach ist der Zorn auf sich selbst oder auf andere eine durchaus menschliche Reaktion. Aber diejenigen, die fundierte Aufklärungsarbeit und Hilfestellung für Ausstiegswillige leisten, sind meist längst über diese Hass-Phase hinweg. Ihr Motiv ist meist ziemlich klar zu erkennen: Anderen ausstiegswilligen Menschen bei ihren Schritten in ein selbstbestimmtes und freies Leben zu helfen und durch Information der Öffentlichkeit andere vor dem Einstieg in solche Gruppen zu bewahren. So etwas macht man nicht aus Bosheit, sondern aus Nächstenliebe und Mitgefühl. Das könnt Ihr mir glauben - oder doch lieber dem Märchen vom bösen Abtrünnigen Glauben schenken. Ganz wie Ihr wollt.