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Bücher über Religion, Sekten, Zeugen Jehovas

Eckhard von Süsskind:

Zeugen Jehovas: Anspruch und Wirklichkeit der Wachtturm-Gesellschaft

Eckhard von Süsskind: Zeugen Jehovas - Anspruch und Wirklichkeit der Wachtturm-Gesellschaft»Dieses Buch befaßt sich mit Anschauungen, die für den ›Zeugen Jehovas‹ bestimmend waren und sind. Dabei soll in erster Linie nicht die Stimme des Verfassers, sondern die des Schriftttums zu hören sein, an dem sich ein ›Zeuge Jehovas‹ orientiert. Es sind die Schriften des obersten Gremiums der ›Zeugen Jehovas‹, der sogenannten ›Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft‹ (Sitz: Brooklyn/USA), von denen bei der Abfassung des Buches ausgegangen wurde. Deshalb wird großer Wert auf Zitate aus diesen Schriften gelegt, und die verbindenen Erläuterungen sollen zu einem möglichst klaren Verstehen des Zitierten verhelfen. So soll dem Leser dieses Buches ein Instrument in die Hand gegeben werden, mittels dessen er das Selbstverständnis und die behauptete prophetische Rolle der ›Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft‹ anhand iher eigenen Aussagen überprüfen kann.« Diese Sätze aus dem Vorwort des Autors Eckhard von Süsskind beschreiben die Argumentation und die Ziele dieses Buches sehr treffend.

Das Buch folgt einem sehr systematischen Aufbau mit einer strengen Gliederung. Zunächst wird in einer Einführung beschrieben, wie Charles Taze Russell (der Gründer der Wachtturm-Gesellschaft) sich selbst sah und wie er später von der WTG dargestellt wurde. Die drei wichtigsten Attribute, die Russell zuerteilt wurden, waren »der Sendbote für die Kirche von Laodizäa«, »der weise und getreue Knecht« (bzw. »der treue und verständige Sklave«) und »der in Linnen gekleidete Mann«. Diese Attribute wurden später auf die Wachtturm-Organisation, auf die »Leitende Körperschaft« übertragen. Eckhard von Süsskind zeigt in der Einführung seines Buches anhand etlicher Zitate die Zuordnung dieser ›biblischen‹ Attribute zu Russel und später zur WTG auf.

Die Wachtturm-Gesellschaft als Prophet Gottes?

Der weitere Fortgang des Buches gliedert sich in zwei Hauptabschnitte. Abschnitt A ist überschrieben: »Das ›prophetische‹ Amt der ›Wachtturm Bibel- und Traktat-Geschellschaft‹ - Anspruch und Wirklichkeit«. Der erste Teil in diesem Abschnitt befasst sich mit dem Selbstverständnis der WTG als »Jehovas Prophet«, woraus sie den Anspruch ableitet, nur durch bedingungslose Unterwerfung des Einzelnen unter die »Organisation Jehovas« könne ein rechtes Bibelverständnis und somit auch das Überleben der künftigen Schlacht Gottes (Harmagedon) erreicht werden.

Dass die WTG sich selbst als »Jehovas Prophet« ansieht, belegt der Autor mit einem Zitat aus dem Wachtturm vom 1.7.1972. Zwar setzt sie sich selbst als neuzeitlichen »Propheten« in Anführungszeichen, aber das Zitat belegt das Selbstverständnis der »Organisation Jehovas«:

Hat Jehova denn einen Propheten, der ihnen hilft, der sie vor Gefahren warnt und der Künftiges verkündigt? ... Diese Fragen können bejaht werden. Wer ist dieser Prophet? Dieser »Prophet« war kein einzelner Mensch, sondern eine Körperschaft von Männern und Frauen. Es war die kleine Gruppe der Fußstapfennachfolger Jesu Christi, die damals als Internationale Bibelforscher bekannt waren. Heute sind sie als christliche Zeugen Jehovas bekannt.

(WT 1.7.1972, S. 389)

Als Schlussfolgerung aus dieser Selbsteinschätzung der WTG legt der Autor als Arbeitshypothese fest, es »sei an dieser Stelle angenommen, daß die WTG möglicherweise ›Gottes Mitteilungskanal‹, sein ›Prophet‹ auf Erden sein könnte. Diese Annahme läßt mit Notwendigkeit die Frage aufkommen, wie solch ein Anspruch glaubhaft gemacht werden kann. Gibt es Kriterien oder Kennzeichen, mit deren Hilfe man menschliche Ansprüche auf göttliche Sendung beurteilen kann?«

Die Beantwortung dieser Frage ist Thema des zweiten Teils im Abschnitt A. Es wird der Maßstab der Bibel aufgezeigt, wonach gemäß 5. Mose 18:22 ein Prophet nur dann im Namen Jehovas gesprochen hat, wenn das Angekündigte ganz und gar eintrifft. Auch die WTG bestätigt dieses Kriterium, wie durch mehrere Zitate belegt wird. Beispielsweise heißt es im Buch »Das Paradies für die Menschheit durch die Theokratie wiederhergestellt« (WTG, 1973) auf Seite 355:

Jehova, der Gott der wahren Propheten, wird alle falschen Propheten in Schande geraten lassen, entweder dadurch, daß er die falsche Voraussage solcher Propheten, die sich dieses Amt selbst anmaßen, nicht erfüllen läßt oder indem er seine eigenen Prophezeiungen auf eine Weise verwirklicht, die zu derjenigen der falschen Propheten im Gegensatz steht.

100 Jahre voller Endzeitdaten

Dazu passend ist der dritte Teil im Abschnitt A überschrieben: »Das Verhältnis von prophetischem Anspruch und geschichtlicher Wirklichkeit: ein kritischer Durchgang durch die 100jährige Geschichte der ›Bibelforscher‹/›Zeugen Jehovas‹«.

Seit ihren Anfängen ist die WTG eine auf endzeitliche Daten fixierte Gemeinschaft. Allein während der ersten 40 Jahre ihres Bestehens hielt sie ihre Anhänger durch die Veröffentlichung von etwa einem Dutzend heilsgeschichtlicher Daten in Atem. Stets erwartete man für die unmittelbare Zukunft irgendein großes Ereignis von universeller Bedeutung, durch das sich biblische Prophetie erfüllen würde. Es ist äußerst interessant, diesen Tatbestand nachzuweisen und dabei zu fragen, ob und inwieweit das Verheißene in Erfüllung gegangen ist. (S. 28)

Diesen Nachweis führt von Süsskind zunächst anhand von Russells »Schriftstudien« und anderen Publikationen aus den ersten Jahrzehnten der Bibelforscher. Für Russell war die Endzeit bereits seit 1799 angebrochen. 1943 verlegten die Zeugen Jehovas dann den Beginn der "Zeit des Endes" auf 1914.

Nicht nur bestätigt die allgemeine Zunahme an Erkenntnis, wie wir sie gewahren, was Daniel 11 lehrt, daß die Zeit des Endes im Jahre 1799 begann, sondern das vorhergesagte Hin- und Herrennen, vieles und schnelles Reisen, bestätigt es auch. Alles dies gehört zur Zeit des Endes. Das erste Dampfboot wurde 1807 erbaut,; der erste Dampfwagen 1831; der erste Telegraph 1844. Und heutzutage tragen tausende von Riesenwagen und Schiffen Mengen ›hin und her‹

(C. T. Russell, Dein Königreich komme, dt. 1926, S. 51)

Ebenso wurde bis 1943 der »Beginn des Milleniums« (Tausendjähriges Reich) auf das Jahr 1872 datiert. Russell schrieb, er bringe den Schriftbeweis für die Tatsache, daß mit dem Jahre 1872 sechstausend Jahre seit der Erschaffung Adams verflossen sind und wir daher seit 1872 in das siebente Jahrtausend oder ins Millenium eingetreten sind. Die damalige Argumentation wird heute von der WTG weder als Schriftbeweis noch als Tatsache akzeptiert, sondern als ›altes Licht‹, das nicht mehr gültig ist. Die gleiche Argumentation wurde dann aber gut 100 Jahre später nochmal neu aufgewärmt, als die WTG die Erschaffung Adams umdatierte und die sechstausend Jahre nun zu massiven Endzeiterwartungen für das Jahr 1975 führten.

1874 begann nach Russell die unsichtbare zweite Gegenwart Christi. Daher nannte Russell seine neue Zeitschrift im Juli 1879 auch »Zion's Watch Tower and Herold of Christ's Presence«. Nach heutigem Verständnis der ZJ war die Gegenwart Christi in diesem Jahr noch gar nicht angebrochen, der Ruf des Herolds also verfrüht. 1943 wurde auch dieses Ereignis auf 1914 umdatiert, obwohl die früheren Aussagen angeblich einen »biblischen Nachweis« und einen »deutlichen Beweis« geliefert hatten. Von Süsskind fasst zusammen: »Russell ging sogar so weit, die seiner Ansicht nach mit dem Jahr 1874 beginnende zweite Gegenwart Christi als weitaus augenscheinlicher und klarer bewiesen zu kennzeichnen, als es Jesu irdisches Leben gewesen sei.« (S. 33)

Die »Zeiten der Nationen« liefen 1894 ab. So wurde es von 1889 bis 1914, also im entscheidenden Vierteljahrhundert vor 1914, gelehrt. »Heutzutage ist jeder ZJ fest überzeugt, die WTG haben schon eh und je als Datum des ›Endes der Zeiten der Nationen‹ das Jahr 1914 genannt. Sie stellte auch die Erwartung Russells so dar, als habe er das ›Ende der Zeiten der Nationen‹ für 1914 erwartet.«, fasst von Süsskind zusammen (S. 34f) und belegt dies mit Zitaten aus dem WTG-Buch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben« von 1960. Meiner persönlichen Meinung nach zeigt dies entweder ein erstaunliches Maß an Nachlässigkeit und mangelnden Kenntnissen der eigenen Geschichte bei den Herausgebern dieses ZJ-Geschichtsbuches, oder aber einen dreisten Versuch, die neuzeitliche Geschichte der ZJ etwas »zu schönen«. Der Leser wende Unterscheidungsvermögen an...

Weitere Daten, die Russell predigte, waren 1878 (Entrückung der ›lebenden Heiligen‹ u. a.) und 1881 (Ablauf der Gnadenfrist für die Heiden und Abschluß der Sammlung der 144000 Mitregenten Gottes).

Auch für das in der ZJ-Geschichte besondere Jahr 1914 hatte Russell spezielle Erwartungen. Wieder begegnet uns ein ›biblischer Nachweis‹, ›eine in der Schrift fest begründete Tatsache‹, etc. Es würden 1914 »alle gegenwärtigen Regierungen gestürzt und aufgelöst sein«, Israels Blindheit würde anfangen sich wegzuwenden, die ›große Zeit der Drangsal‹ würde ihren Höhepunkt und Abschluss erreichen, etc. »Keine einzige dieser sieben definitiven Erwartungen erfüllte sich im Jahre 1914, und daher ist es unwahr, wenn die WTG bis heute betont, die ›Bibelforscher‹ hätten die Ereignisse des Jahres 1914 im voraus angekündigt. In den Neuauflagen der ›Schriftstudien‹ nach 1914 wurden diesbezügliche Aussagen, die sich an vielen Stellen finden, stillschweigend verändert, neu formuliert - also gefälscht« (S. 38).

Bezüglich der Prophezeiungen in Bezug auf 1914 fasst von Süsskind zusammen: »Nach dem Nichteintreffen des für 1914 Vorausgesagten inszenierte die WTG eine großangelegte Bereinigung, eine ›Säuberungsaktion‹, um diesen Mißerfolg vor den Augen zukünftiger Generationen zu vertuschen und die eigene Glaubwürdigkeit in den Augen ihrer Anhänger behalten zu können. So wurden die offenkundig unwahren prophetischen Äußerungen in Schriften der WTG entweder gestrichen oder durch Neuformulierungen ›entschärft‹.« Und weiter: »Ein offenes, ehrliches Eingeständnis der Falschprophezeiungen und eine Entschuldigung - auch für die Konsequenzen - blieben also aus. Im Gegenteil: Ein klägliches Versagen wurde als reicher Gottessegen bezeichnet, für den man noch dankbar sein müsse.« (S. 40)

Im Folgenden stellt Eckhard von Süsskind gegenüber, was vor 1914 und nach 1914 bezüglich des Endes der Zeiten der Nationen gesagt wurde. Auch einige weitere Daten wie 1915, 1918, 1920 und 1921, die von Russell bzw. seinen Nachfolgern propagiert wurden, finden Erwähnung.

Mit dem Tod Russells im Jahr 1916 übernahm Joseph Franklin Rutherford die Leitung der WTG. »Mit Rutherford erhielt die WTG im wesentlichen ihre heutige Gestalt; sie wurde straff durchorganisisert und nunmehr als ›Kanal Gottes‹ angesehen. Was vorher Russell in Person war, wurde nun die ›Organisation‹.« (S. 45) Doch Rutherford hatte offenbar aus dem Versagen seines Vorgängers als Prophet nichts gelernt: »Bereits 1920 präsentierte die WTG ein neues Datum: 1925.« Ähnlich wie 1914 war auch das Jahr 1925 mit Erwartungen überladen. »Man erwartete unter anderem die Auferstehung der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob und der alttestamentlichen Propheten, darüber hinaus die ›Wiederherstellung aller Dinge‹, die ›Auferstehung der gesamten Menschheit‹ usw.«

All dies natürlich wieder »mit großer Gewißheit« und »mit absoluter Zuverlässigkeit«, nachzulesen beispielsweise in der Zeitschrift »Das goldene Zeitalter« vom 15.3.1924 (heute »Erwachet!«).

Interessant sind von Süsskinds Ausführungen zu der Frage, wie dies im Nachhinein bewertet wurde. Er verweist auf das Jahrbuch von 1980, das ich hier einmal etwas ausführlicher zitieren möchte (Hervorhebungen von mir):

Im gleichen Jahr wurden größere Schwierigkeiten innerhalb der Organisation ausgelöst. Das Buch Millionen jetzt Lebender werden nie sterben! war im französischen Gebiet seit 1921 ausgiebig gebraucht worden, und aufgrund seines Inhalts setzte man auf das Jahr 1925 große Erwartungen. Doch als 1925 kam und vorüberging, ohne daß die erwarteten Ereignisse eingetreten waren, machten sich die Außenstehenden, die das Buch gelesen hatten, über die Brüder lustig. Bruder Jules Anache in Sin-le-Noble schrieb: »Unsere Feinde verspotteten uns, indem sie Artikel schrieben, von denen einer betitelt war ›Millionen jetzt Lebender werden nie sterben, wenn sie rosa Pillen nehmen‹ Sie bezogen sich dabei auf ein Heilmittel, das damals gerade populär war.«

Noch schlimmer war, daß der Glaube einiger Brüder erschüttert wurde. Einige hatten erwartet, in jenem Jahr in den Himmel zu kommen. Das führte in den Versammlungen zu Sichtungen, besonders im Elsaß. Schwester Anna Zimmermann schrieb: »Ungerechtfertigte Hoffnungen brachten große Prüfungen mit sich. Viele gaben auf.«

Ein Anzeichen für diese Prüfung war eine Fragestunde, die Bruder Rutherford auf einem Kongreß in Basel abhielt, der vom 1. bis 3. Mai 1926 stattfand. In dem Bericht über diesen Kongreß hieß es:

»Frage: Sind die Alttestamentlichen Überwinder schon auferstanden?

Antwort: Sicherlich sind sie noch nicht auferstanden. Niemand hat sie gesehen. Es wäre töricht, eine gegenteilige Behauptung aufzustellen. Im Millionen- und Trostbüchlein wurde gesagt, daß man sie vernünftigerweise kurz nach 1925 erwarten dürfe. Aber dies wurde nur als Meinung ausgesprochen

Man hatte einen Fehler gemacht, doch wie Bruder Rutherford erklärte, war dies kein Grund, aufzuhören, dem Herrn zu dienen. Einige taten dies dennoch, und so gab es in dieser Zeit weitere Sichtungen im französischen Gebiet. Die im französischen Wacht-Turm veröffentlichten Zahlen zeigen, daß 1925 beim Gedächtnismahl in Mülhausen im Elsaß 93 Personen anwesend waren, während im Jahre 1927 die Zahl auf 23 sank.

(Jahrbuch 1980, S. 62f, »Frankreich«)

Was also im Jahr 1924 noch »mit großer Gewissheit« und »mit absoluter Zuverlässigkeit« gepredigt wurde, hatte man nun angeblich »nur als Meinung ausgesprochen«, worauf sich »einige« »ungerechtfertigte Hoffnungen« gemacht hatten. So also geht die WTG mit der Wahrheit um! Den ›Schwarzen Peter‹ schiebt sie einfach denjenigen zu, die die Aussagen der WTG beim Wort genommen hatten. Somit kann man (in der praktischen Nutzanwendung dieses Berichtes aus dem Jahrbuch) auch heute eigentlich nur empfehlen, die Schriften aus Brooklyn und Selters bloß nicht ernst zu nehmen und »nur als Meinung« zu lesen, auf die man sich besser keine Hoffnungen machen sollte...

Auch unter dem dritten Präsidenten der WTG, Nathan Homer Knorr, der nach dem Tod Rutherfords im Jahre 1942 dessen Amtsnachfolge antrat, gab es wieder ein endzeitlich bedeutsames Datum: 1975. Wie oben schon angedeutet (siehe 1872), »entschied die Leitung der WTG, daß die Chronologie, auf die man sich mehr als 70 Jahre lang gestützt hatte, das Datum der Erschaffung Adams um fast 100 Jahre zu früh ansetzte. Dies war der Ausgangspunkt für neue Berechnungen, und etwa 20 Jahre später, Mitte der 60er Jahre, konnte in den Reihen der ZJ ein neues heilsgeschichtliches Datum verkündet werden: 1975.« (S. 54)

Die Äußerungen in den Publikationen der WTG »stehen in ihrer Dringlichkeit den früheren Prophezeiungen nicht nach, obgleich ihnen eine gewisse Zurückhaltung, was die präzise Datierung betrifft, anzumerken ist. Ihre Botschaft war eindeutig: Die letzten, wenigen Jahre dieser Welt waren bereits Ende der 60er Jahre angebrochen; der Unsicherheitsfaktor, der einer definitiven Fixierung des Weltendes für 1975 im Wege stand, konnte allenfalls einige Wochen oder Monate ausmachen, nicht aber Jahre.« Während sich die Publikationen auf Andeutungen und chronologische Berechnungen beschränkten, wurde jedoch auf Kongressen deutlicher gesprochen. Eckhard von Süsskind beschreibt auf Seite 58 ein persönliches Erlebnis hierzu, das ich vollständig wiedergeben möchte:

Der Verfasser absolvierte 1971 die Missionarsschule »Gilead« der ZJ, die sich in der Hauptzentrale der WTG in Brooklyn/New York befindet. Während dieser Zeit fand weltweit ein »Kreiskongreß« der ZJ statt, dessen Hauptvortrag den bezeichnenden Titel trug: »Wer wird in den 1970er Jahren die Welt besiegen?« Einen Tag nach Beendigung dieses Kongresses eilte ein Lehrer der Schule in unser Klassenzimmer und rief begeistert: »Jetzt hat alles Spekulieren ein Ende. Endlich Klarheit! Die ›Gesellschaft‹ hat sich festgelegt - zwar nicht auf 1975, aber auf dieses Jahrzehnt!«

Die weiteren Unterabschnitte im Teil A des Buches zeigen die nach Meinung des Autors richtige Einstellung eines Christen zu den Endzeit-Aussagen der Bibel auf und zeigen überdies, wie die WTG selbst ihre Chronologie endzeitlicher Ereignisse sieht.

Russells Pyramidenlehre

Die zweite Hälfte des Buches (Abschnitt B) befasst sich mit »Besonderheiten und Eigentümlichkeiten von Schriftauslegung und Lehre Russells und der WTG«. Zunächst befasst sich der Autor hier mit Russells Pyramidenlehre, die hauptsächlich in Russells 3. Band der »Schriftstudien« zu finden ist (»Dein Königreich komme«, 1891). Diese seltsame Lehre wurde später von ZJ fallen gelassen. Dass sich dennoch eine Beschäftigung damit lohnt, liegt weniger am Inhalt dieser Lehre, sondern daran, dass sie den unredlichen Umgang der WTG mit »Wahrheit« deutlich zeigt.

Gemäß Russell erweist sich die Cheops-Pyramide (»Große Pyramide«) »als eine Vorratskammer wichtiger Wahrheiten - in wissenschaftlicher, historischer und prophetischer Beziehung - und ihr Zeugnis befindet sich in völliger Harmonie mit der Bibel« (C. T. Russell, Dein Königreich komme, Ausgabe 1926, S. 305). Von Süsskind führt weiter aus, was das Grundgerüst dieser Lehre war:

Was ist nun der Cheopspyramide nach Russells Ansicht zu entnehmen? Im großen und ganzen »stellt (die Pyramide) den vollendeten Plan Gottes dar, wie er am Ende des Tausendjahrtages sein wird« (a.a.O., S. 319). Und: »Wenn die Pyramide als Ganzes den vollständigen Plan Gottes repräsentiert, so repräsentiert ihr Eckstein an der Spitze Christum« (a.a.O.).

Daraus wurde gefolgert, daß die einzelnen Kammern im Innern der Pyramide ebenso eine Bedeutung haben. So finden sich auch Russells Endzeitdaten der ›biblischen‹ Chronologie an diesem steinernen Zeugen wieder. In Russells Schriftstudien-Ausgabe von 1913 liest sich das so: »So bezeugt die Pyramide, daß der Schluß des Jahres 1874 der chronologische Anfang der Zeit der Trübsal war, dergleichen nicht gewesen, seitdem eine Nation besteht« (S. 327)

Eckhard von Suesskind merkt dazu an: »Bezeichnenderweise wurde in dem Band 3 der ›Schriftstudien‹ - ›Dein Königreich komme‹ -, Ausgabe 1926, statt 1874 das Jahr 1914 angegeben. Hatten sich die Maße der Pyramide inzwischen verändert?«

Etwa 10 Jahre nach Russells Tod lehrten Rutherford und die WTG also noch die Pyramidenlehre, wenn auch mit gefälschten korrigierten Zahlen. Im Gegensatz zu biblisch-chronologischen Berechnung, wo man eine Korrektur immer mit dem Argument neuen Verständnisses ›verkaufen‹ kann, wird hier deutlich, wie unverantwortlich angebliche "Beweise" konstruiert wurden. Hat man die Zahl 1874 auf 1914 erhöht, wurde einfach auch unterstellt, dass sich die Maße der Pyramide um gut 40 Zoll verändert haben. Hier die beiden Passagen im Wortlaut nebeneinander:

Wenn wir also der ›ersten aufsteigenden Passage‹ hinab bis zu ihrem Vereinigungspunkt mit der ›Eingangs-Passage‹ messen, so giebt uns das ein festes Datum, um es an der hinabführenden Passage zu markieren. Dieses Maß beträgt 1542 Zoll und giebt das Jahr 1542 v. Chr. als das Datum an jenem Punkte an. Dann, von diesem Punkte an, die ›Eingangs-Passage‹ hinab messend, um die Entfernung bis zum Eingang des Abgrundes zu finden, der die große Trübsal und Zerstörung darstellt, mit welcher dieses Zeitalter schließen soll, da das Böse von seinem Thron gestoßen sein wird, erfahren wir, daß es 3416 Zoll beträgt, welche 3416 Jahre symbolisieren von dem obigen Datum, 1542 v. Chr., an. Diese Berechnung zeigt das Jahr 1874 n. Chr. an, als den Anfang der Periode der Trübsal markierend; denn 1542 v. Chr. plus 1874 n. Chr. macht 3416 Jahre. So bezeugt die Pyramide, daß der Schluß des Jahres 1874 der chronologische Anfang der Zeit der Trübsal war...

(C. T. Russell, Dein Königreich komme, Ausg. 1914, S. 327).

Wenn wir also die erste aufsteigende Passage hinab bis zu ihrem Vereinigungspunkt mit der Eingangs-Passage messen, so gibt uns das ein festes Datum, um es an der abwärtsführenden Passage zu markieren. Dieses Maß beträgt 1542 Zoll und gibt das Jahr 1542 v. Chr. als das Datum an jenem Punkte an. Dann, von diesem Punkte an, die ›Eingangs-Passage‹ hinab messend, um die Entfernung zum Eingange des ›Abgrundes‹ zu finden, der die große Drangsal und Zerstörung darstellt, mit welcher dieses Zeitalter schließen soll, da das Böse von seinem Throne gestoßen sein wird, erfahren wir, daß es 3457 Zoll beträgt, welche 3457 Jahre symbolisieren, von dem obigen Datum, 1542 v. Chr., an. Diese Berechnung zeigt das Jahr 1915 n. Chr., als den Anfang der Zeit der Drangsal bezeichnend, an; denn 1542 v. Chr. und 1915 n. Chr. ergeben 3457 Jahre. So bezeugt die Pyramide, daß der Schluß des Jahres 1914 der chronologische Anfang der Zeit der Drangsal war...

(C. T. Russell, Dein Königreich komme, Ausg. 1926, S. 316f).

Zitiert nach v. Süsskind, S. 68f. Hervorhebungen in Fettschrift von mir.

Soviel zur Redlichkeit der WTG und zu ihrem Umgang mit »Wahrheit«. Die Pyramidenlehre bezeugt vor allem eines: Dass die in den Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft verwendeten »Beweise« beliebig ausgetauscht wurden, und dass solche »Beweise« auch ohne Gewissensbisse umgeschrieben werden, wenn sich der entsprechende Lehrpunkt ändert. Und sie bezeugt, dass Rutherfords Zollstock offenbar nicht übereinstimmte mit Russells Zollstock. Mehr als 1 Meter Messfehler bei einer Streckenlänge von nur etwa 87 Meter. Leider erfährt der Leser nicht, wie die WTG von diesen beiden Werten 3416 bzw. 3457 Zoll erfahren haben will.

Drei Jahre später legte Rutherford die Pyramidenlehre dann endgültig zu den Akten. Die lebengebende göttliche Wahrheit Russells war wieder einmal doch nur ein Irrtum gewesen. Über Jesaja 19:19 schrieb ›Richter‹ Rutherford: »Eine Zeitlang haben Schriftforscher diese Prophezeiung ernsthaft auf die ›große Pyramide‹ in Ägypten angewandt; aber seitdem der Herr zu seinem Tempel gekommen ist und die Blitzstrahlen Gottes sein Wort erleuchten, kann die Tempelklasse wahrnehmen, daß sich diese Prophezeiung in keiner Weise auf einen Steinhaufen in Ägypten bezieht« (J. F. Rutherford, Prophezeiung, 1929, S. 217).

Auch hier also die wachtturmtypische Herausrederei: »Eine Zeitlang« war von 1891 bis 1929, also die meisten Jahre seit Bestehen der WTG. Und haben die das tatsächlich »ernsthaft« geglaubt, wo es doch nur ein »Steinhaufen in Ägypten« ist? Rutherford scheint vergessen zu haben, dass er 3 Jahre zuvor diese Lehre noch mit einem verlängerten Zollstock frisiert hatte.

Eckhard von Süsskind fasst die Gegenüberstellung der beiden Schriftstellen-Zitate wie folgt zusammen: »Zwischen 1914 und 1926 müßte also die Pyramide um 41 Zoll gewachsen sein! - Der Verdacht liegt nahe, daß solche vorsätzliche Irreführung der eigenen Anhänger und Leser den Tatbestand der Fälschung erfüllt. Und das ist - wie im weiteren gezeigt wird - kein Einzelfall. Kann man da noch allen Ernstes behaupten, die WTG wisse sich allein der Wahrheit verpflichtet? Die zutage liegenden Tatbestände weisen auf etwas anderes hin: Nicht Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit sind die Leitprinzipien der WTG, sondern es geht ihr um ein Rechtbehalten um jeden Preis.« (S. 69f)

»Wie ist es um die Redlichkeit der WTG bestellt?«

Die folgenden Seiten zeigen noch weitere Beispiele auf, wo bestimmte Passagen in den jeweiligen Neu-Auflagen der Schriftstudien und anderer Publikationen geändert wurden, da die ursprünglichen Aussagen inzwischen von der Geschichte widerlegt worden waren. Eckard von Süsskind fügt dann folgendes als »persönliche Anmerkung« hinzu:

Diese eindeutigen Fälschungen im Schrifttum der WTG stellen einen Tatbestand mit geradezu vernichtender Schlagkraft dar. Der Verfasser ist sich durchaus darüber im klaren, daß die Information für jeden gutgläubigen, aufrichtigen ZJ wie ein Schock wirken und ihm als bösartige Unterstellung vorkommen muß.

Als der Verfasser im Frühjahr 1982 von einem evangelischen Theologen zum ersten Mal davon hörte, stieß diese Information auch bei ihm auf Unglauben. Aber er wollte - soweit möglich - diesem Sachverhalt auf den Grund gehen. Eineinhalb Jahre später war dann die Möglichkeit gegeben, in einer Bibliothek Zugang zu alter WTG-Literatur zu bekommen, die zum Teil aus der Zeit vor 1914 stammt. Die Resultate der Sichtung dieses Fundes sind oben zusammengetragen. Sie können jederzeit nachgeprüft werden. (S. 76)

»Das vollendete Geheimnis« - Band 7 der »Schriftstudien«

Es folgt eine ausführliche Analyse des siebten Bandes der Schriftstudien (»Das vollendete Geheimnis«), der bald nach Russells Tod veröffentlicht wurde (1917). Bis 1930 war dieses Buch maßgeblich für die Lehren der WTG. Jeder Kandidat für ein Amt in der WTG wurde auf dieses Buch eingeschworen. Dem neuen Präsidenten Rutherford lag offenbar daran, den literarischen Nachlass Russells in seinem Sinne aufzubereiten. »Kenner des WTG-Schrifttums meinen [...] daß nicht Russell, sondern Rutherford die Grundlinien des ›siebten Bandes‹ bestimmte. Unbestreitbar ist, daß große Teile dieses Buches nicht aus der Feder Russells stammen können, allein schon wegen der Tatsache, daß einige häufig angeführte Daten dem Datenkatalog Russells glatt widersprechen (so z. B. die Angaben 1915, 1918, 1920 und 1921).« (S. 78)

Im Vorwort des 7. Bandes heißt es hingegen, das Buch könne »ein hinterlassenes Werk von Pastor Russsell genannt werden«, und dieses Buch sei »vornehmlich eine Zusammenstellung der von ihm geschriebenen 'Wahrheiten'«.

Ein Streifzug durch den Inhalt dieses bemerkenswerten Buches zeigt die verwunderlichen Lehren, die Rutherford seinem Vorgänger Russell hier andichten ließ. So sind die sieben Engel aus Offenbarung 14-16 nichts anderes als die sieben Bände der Schriftstudien (Aha! Deshalb brauchte man noch einen siebten Band, weil die symbolische Zahl 6 in Bibel und ZJ-Lehre nicht so gut weggkommt). So heißt es beispielsweise über Offenbarung 16:8 (der vierte Engel goß seine Schale aus auf die Sonne): »Band IV der Schriftstudien wurde, sobald er veröffentlicht war, allen Geistlichen, deren Namen und Adressen ermittelt werden konnten, frei zugesandt.« Geistliche sind ja bekanntlich - so das Buch - »hervorragende Himmelsleuchten, strahlende Sonnen« (Das vollendete Geheimnis, S. 322).

Aber nicht nur die 7 Engel, sondern auch die 7 Plagen, sind natürlich die 7 Bände der Schriftstudien. Diese »bilden zusammen das dritte und letzte Wehe, das über das Papsttum ausgegossen wird« (a.a.O., S. 308).

Alle Eisenbahnfreunde wird bestimmt die ›biblische‹ Vorhersage von Dampfmaschinen und Lokomotiven erfreuen, die in Hiob 40 zu finden ist. Gemäß »Das vollendete Geheimnis« deutet sich der Bibeltext so:

Hiob schildert ... in prophetischen Worten die Errungenschaften heutiger Zeiten, die Dampfmaschine - feststehend und sich bewegend -, auf Eisenbahnzügen und zur See.

... »Sieh doch einen mit großer Hitze (der feststehenden Dampfmaschine), den ich mit dir gemacht habe; er wird Futter verzehren (Torf, Holz, Kohle) wie das Vieh. Siehe doch, seine Kraft ist in seinen Lenden (Kesselplatten), und seine Stärke innerhalb der in einem Kreis gebogenen Teile (Kesselwände) seines Bauches. Sein Schwanz (Schornstein - gegenüber dem Futterende, Brennmaterial) wird aufrecht stehen wie eine Ceder...

Du wirst den Leviathan (die Lokomotive) mit dem Angelhaken (automatische Kupplelung) ausdehnen, verlängern, oder mit einer Schlinge (Kuppelbolzen), mit der du seine Zunge (Kuppelverbindung) sich senken lassen wirst. Willst du nicht einen Ring (Kolben) in seine Nase (Zylinder) legen oder seine Kinnbacken (Zylinderenden) mit einem Stabe (Zylinderstange) durchbohren? Wird er viel Flehens an dich richten (entgleisen)? Oder wird er dir sanfte Worte geben (wenn er einen schrillen Ton mit der Dampfpfeife von sich gibt)? Wird er einen Bund mit dir machen, daß du ihn zum ewigen Knechte nehmest (ohne Reparaturen)?« usw.

(Das vollendete Geheimnis, S 106ff, zitiert nach Eckhard von Süsskind S. 86f)

Auch der Prophet Nahum hat einiges zu bieten für eisenbahnbegeisterte ›Anhänger‹ der Wachtturm-Gesellschaft. Unter der Leitung des Heiligen Geistes erkannten Rutherford und seine Schreiber George H. Fisher und C. J. Woodworth folgende feststehenden göttlichen Wahrheiten über Nahum Kapitel 2:

Er beschreibt einen Eisenbahnzug in voller Fahrt (nicht ein Automobil, wie einige glauben), und wenn wir uns die Mühe nehmen, uns an Stelle des Propheten zu versetzen, so können wir genau sehen, was er in seiner Vision sah und was er auf so interessante Weise beschrieben hat. Zuerst steht der Prophet da und sieht die Lokomotive auf sich zukommen und sagt dann: »Die Schilde sind gerötet (das Ding, das diesem großen Helden voraufgeht - die Kopflaterne - scheint hell), die tapferen Männer (der Zugführer und Heizer) sind in Karmesin gekleidet (wenn die Flammen des Kesselfeuers am Abend den Standplatz der Lokomotivführer erleuchten, indem der Heizer die Tür öffnet, um Kohlen auf das Feuer zu werfen). Die Wagen (die Eisenbahnwaggons) glänzen von Stahl (ihnen voran fährt die Lokomotive, die zur Nachtzeit wie Stahl erglänzt) am Tage seines Rüstens.«

Dann versetzt der Prophet sich im Geiste an das Innere des Zuges und blickt zum Fenster hinaus, wobei sich ihm der Anblick bietet, daß »die Lanzen werden geschwungen (die Telegraphenpfosten längs der Gleise scheinen auf und ab zu tanzen)...«

(Das vollendete Geheimnis, S 117, zitiert nach Eckhard von Süsskind S. 87f)

»Die Willkürlichkeit und Sonderbarkeit solcher Auslegung ist wohl deutlich. ›Die primitive Machart, in der diese und ähnliche 'tiefgründige' Weisheiten an den Leser herangetragen werden, provoziert geradezu die Spottlust und die Lächerlichkeit‹, meint D. Hellmund. Das Bild der ZJ in der Öffentlichkeit wurde vor allem von solch skurriler Schriftauslegung bestimmt - und das nicht zum Vorteil der ZJ.« (S. 88)

Die weiteren Unterabschnitte des Buches zeigen auf, wie sich Band 7 bezüglich Stil und Schärfe der Attacken gegen das Christentum von seinen Vorgängern abhebt und wie die WTG heute zu den 7 Bänden der Schriftstudien steht. Absurd: Wer als ZJ heute intensiv in den Schriftstudien forscht und mit seinen Glaubensbrüdern darüber diskutiert, wird bald Probleme mit der Ältestenschaft seiner Versammlung bekommen. »So widerlegt die Geschichte der WTG selbst die von der WTG angemaßten Ansprüche, etwa den, daß das Lesen der ›Schriftstudien‹ dem Leser die Wahrheit vermittle, weil die ›Schriftstudien‹ nicht irren könnten«, fass Eckhard von Süsskind zusammen (S. 92). Zwar sehen sich die Zeugen Jehovas in der geschichtlichen Tradition Russels, aber sie lehnen seine Lehren als sektiererisch ab.

»Einzelbeispiele auffälliger Interpretationsentwicklung«

Danach widmet sich der Autor einigen Einzelbeispielen auffälliger Interpretationsentwicklung (überwiegend in Bezug auf Bibeltexte aus der Offenbarung): Drei verschiedene Versionen zur Datierung der »Schlacht von Harmagedon« macht von Süsskind in den Publikationen der WTG aus. Auch die »Kelter des Grimmes Gottes« wurde verschiedentlich uminterpretiert, so dass der Autor auch hier drei Versionen aufzeigt. Und auch das »Ausgießen der siebten Schale« und der »Donner« erfahren vergleichbare Interpretationsveränderungen. Ebenso der »achte König« bzw. das »scharlachfarbene Tier«.

In Bezug auf den »König des Südens« und den »König des Nordens« aus dem Bibelbuch Daniel weist Eckhard von Süsskind 5 verschiedene Versionen nach. Hier mein Versuch einer kurzen Zusammenfassung:

Persönliche Anmerkung: Die letztgenannte ist die Version, die ich auch Anfang der 1980er Jahre noch im ›Heimbibelstudium‹ von meiner Mutter erklärt bekommen habe. Nachdem sich der kalte Krieg und der Ostblock etwa 10 Jahre später aufgelöst hatten, war diese Version natürlich nicht mehr wirklich glaubhaft. Mir ist bisher nicht bekannt, dass sie inzwischen durch eine weitere Interpretation ersetzt worden wäre. Mein Vorschlag an die WTG: Nehmt doch einfach den Westen und den Islamismus. Seit 2001 ist das Thema angesagt und wird von vielen gerne geglaubt werden. Welchen Ihr Nord- und welchen Südkönig nennen wollt, könnt Ihr ja vielleicht noch ausknobeln. Ich bitte um Veröffentlichung des Ergebnisses in den Schriftstudien Band 8. ;-)

»Kann solche Interpretationsentwicklung legitimiert werden«

Unter dieser Überschrift geht von Süsskind darauf ein, wie die WTG die häufigen Wechsel in ihren Lehren den Anhängern erklärt. Man beruft sich auf den Bibeltext aus Sprüche 4:18, demzufolge der Pfad der Gerechten wie das glänzende Licht ist, das heller und heller wird, bis es voller Tag ist. »Mit Hilfe dieses Verses deutete die WTG den ungewöhnlichen Verlauf ihrer Geschichte und die teilweise erheblichen Veränderungen ihrer Lehre als eine Entwicklung, die ständig aufwärts führt. Irrtümer können nach diesem Verständnis von Sprüche 4,18 durchaus in der Entwicklungsgeschichte liegen, und die Richtigstellung solcher Irrtümer wäre dann ein weiterer Schritt auf dem Weg zum ›Licht‹. So gelang es der WTG, ihre Anhänger ›bei der Stange zu halten‹. Die ZJ wurden dazu angehalten, ständig Neues von ihrer ›Leitenden Körperschaft‹ zu erwarten, konnte es doch nur Besseres als das vorhergehend Gelehrte sein. Deshalb können ZJ angesicht der in diesem Buch vorgelegten Irrtümer und Täuschungen der WTG der Meinung sein, hierbei handle es sich um Material, das seine Aussagekraft längst verloren hat, da es ja inzwischen ›neues Licht‹ gibt.«

Zunächst möchte ich dazu folgendes anmerken: Irrtümer und Selbsttäuschung mag man vielleicht noch so erklären können, absichtliche Täuschungen anderer jedoch nicht! Und was über die Pyramidenlehre gesagt wurde (41 Zoll...), kann meiner privaten Meinung nach als eine solche Täuschung angesehen werden. Wer einen guten Freund einer absichtlichen Lüge überführt, wird wohl kaum mit dessen Erklärung zufrieden sein, die nun herausgekommene Wahrheit sei ›neues Licht‹ und daher sei wohl alles in Ordnung.

Über die ›biblische‹ Erklärung solcher Irrtümer in der Lehre schreibt der Autor:

Die Frage, ob die WTG ihre Geschichts- und Lehrentwicklung auf diese Weise rechtfertigen kann, entscheidet sich also daran, ob Sprüche 4,18 wirklich das meint, was die WTG aus diesem Vers liest. Wer den Vers im Kontext (Spr 4,10-19) liest, dem wird auffallen, daß hier keineswegs von fortschreitender Erkenntnis oder Verständnisentwicklung im Sinne der WTG-Auslegung die Rede ist. Es handelt sich in dem vierten Kapitel der Sprüche dagegen um zwei verschiedene Möglichkeiten oder Wege der Lebensgestaltung und -ausrichtung, um ›der gerechten Pfad‹ und ›der Gottlosen Weg‹ (Luther-Übersetzung). Diese beiden Wege sind Gegensätze; und die Verse 18 f. fassen dies zusammen (S. 110).

Das Buch schließt mit einem sehr lesenswerten Fazit und persönlichem Bekenntnis, sowie mit einem Nachwort, in dem sich der Autor deutlich zu einem christlichen Lebensweg bekennt, der sich am Wort Gottes orientiert und nicht auf Berechnen und Spekulieren ausgerichtet ist, sondern auf den wiederkommenden Herrn (S. 121). Auf die Frage, was ihn bewogen habe, sich von der WTG abzukehren und die ZJ zu verlassen, schreibt Eckhard von Süsskind die Zeilen, die ich schon auf der Seite »Das Märchen vom bösen Abtrünnigen« zitiert habe:

Was hat mich bewogen, mich von der WTG abzukehren, die ZJ zu verlassen? Dies hat seinen Grund nicht darin, daß menschliches Fehlverhalten, persönliche Lebensprobleme oder Unstimmigkeiten mit irgendwelchen Funktionären der WTG mir die Freude und Bereitschaft zum Weitermachen genommen hätten - auch wenn manche dementsprechende Gerüchte verbreitet werden. Es hat sehr wesentlich seinen Grund in der Tatsache, daß ich Zugang zu Materialien fand, die mir das wahre Gesicht der ›Organisation‹ zeigten. Dieses Buch ist nur ein schwacher Ausdruck dieser für mich sensationellen Entdeckung.

Tatsachen kann man verdrängen und verleugnen, aber man kann sie nicht widerlegen. Mancher mag meinen, dieses Buch stelle einen (böswilligen) Angriff auf die WTG dar. Das widerspricht aber meinem Anliegen. Allein das Bemühen um Wahrheit und um eventuelle Hilfeleistung für andere, die der WTG in allen ihren Aussagen blind vertrauen, waren der Grund, aus dem ich dies verfaßt habe. Wo um Wahrheit gerungen und für sie gekämpft wird, wird immer auch gegen Lüge und Irrtum angegangen werden müssen. (S. 116)

Mein Fazit über dieses Buch, das ich am 4. und 5. Juli 2007 komplett gelesen habe: Es ist eine ausgezeichnete Aufbereitung und Analyse der frühen Geschichte der Ernsten Bibelforscher, in deren Tradition sich Jehovas Zeugen heute noch sehen. Der Autor schreibt dabei sehr sachlich und verzichtet weitestgehend auf Polemik und Häme. Das Buch überzeugt durch die Fülle an Zitaten und durch die scharfsinnigen Analysen des Autors. Wer dem Bibelwort vertraut, daß ein fauler Baum keine vortreffliche Frucht hervorbringen kann, wird nach Lesen dieses Buches mit sehr großer Wahrscheinlichkeit erkennen können, dass der ›Wachtturm-Baum‹ schon in jungen Jahren an der Wurzel faul war. Eine Erkenntnis, die zwar für Betroffene sehr schmerzhaft, aber dennoch heilsam und gesund sein kann.

© 1985 Hänssler-Verlag Neuhausen-Stuttgart, 121 Seiten, ISBN 3-7751-0991-9

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