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Bücher über Religion, Sekten, Zeugen Jehovas

Carl Olof Jonsson:

Die Zeiten der Nationen näher betrachtet

Carl Olof Jonsson: Die Zeiten der Nationen näher betrachtet»Die Berechnung der ›Zeiten der Nationen‹ (Lukas 21:24), wonach diese 607 v.u.Z. begannen und nach 2520 Jahren Dauer im Jahr 1914 endeten, bildet eines der Hauptfundamente im Lehrgebäude der Wachtturm-Gesellschaft. Von dieser Berechnung hängt ihre zentrale Botschaft ab, Gottes Königreich sei 1914 im Himmel aufgerichtet worden und die parousia oder Gegenwart Christi habe in jenem Jahr begonnen.« Mit diesen Worten aus dem Vorwort des Buches »Die Zeiten der Nationen näher betrachtet« macht der Autor deutlich, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Jahr 607 vor Christus eine Kernlehre der Zeugen Jehovas berühren. Nach ihrem Verständnis wurde in jenem Jahr die Stadt Jerusalem von den Babyloniern zerstört. Beginnend mit diesem Ereignis zählen sie die »Heidenzeiten«. Zwar geben sie an einigen Stellen ihrer Publikationen zu, dass Wissenschaftler für die Zerstörung Jerusalems ein anderes Datum nennen, nämlich etwa 20 Jahre später, 587/586 vor unserer Zeitrechnung. Doch ist den meisten Zeugen Jehovas nicht bekannt, wie eindeutig die Befunde auf das spätere Jahr hinweisen und wie unhaltbar daher das von der Wachtturm-Gesellschaft vertretene Datum 607 v.u.Z. ist. Von den wissenschaftlichen Beweisen und Gegenargumenten handelt dieses Buch. Darüber hinaus zeigt es, dass das korrekte Datum der Zerstörung Jerusalems durchaus nicht in Widerspruch mit den Aussagen der Bibel steht.

Drei Vorworte

Am Anfang der mir vorliegenden Ausgabe des Buches stehen drei Vorworte. Zunächst das Vorwort der italienischen Ausgabe, geschrieben von Dr. Luigi Cagni, Professor der Assyriologie am Orientalischen Institut der Universität Neapel. Cagni betont als Experte die Qualität des Werkes, wenn er schreibt:

Bereits die ersten Seiten von Jonssons Buch zeigen, daß es sich um eine durch und durch seriöse und originelle Studie handelt. Die Grundlagen der Lehre der Zeugen Jehovas werden genau und klar dargestellt. Die Kritik ist ehrlich, voller Respekt und frei von Polemik. Man spürt die leidvollen Erfahrungen des Verfassers, der den Zeugen Jehovas 25 Jahre lang aktiv angehörte und dabei auch das Amt eines ›Pioniers‹ ausübte: Liebe zur Wahrheit führte dann zur Trennung. Die wissenschaftlichen Gründe hierfür werden im vorliegenden Werk dargelegt.

Die Darstellung beschränkt sich auf das Wesentliche; nur in einzelnen Passagen und bei entscheidenden Punkten wiederholt sie sich aus Gründen der Eindringlichkeit.

Beim Lesen überkamen mich immer wieder Gefühle der Bewunderung und tiefer Genugtuung über die Art und Weise, wie der Autor Argumenten entgegentritt, die einen Bezug zum Gebiet der Assyriologie haben. Ganz besonders trifft das auf die Darstellung der Astronomie Babylons (und Ägyptens) und der chronologischen Daten der Keilschrifttexte aus dem Mesopotamien des ersten vorchristlichen Jahrtausends zu, die in Jonssons Beweisführung eine ganz zentrale Position einnehmen. (S. 9f)

Prof. Cagni fasst die Argumentation Jonssons kurz zusammen und lobt in den weiteren Ausführungen die ›mehr als zehnjährige aufwendige und intensive Nachforschungsarbeit‹ Jonssons in hohem Maße. Dann schlussfolgert er:

Aus diesen Daten geht, wie Jonsson zeigt, mit absoluter Sicherheit hervor, daß die Herrschaftszeit Nebukadnezars II. im Jahr 604/603 v. Chr. in Babylonien begann und sein 18. Regierungsjahr, in dem Jerusalem zerstört wurde, dementsprechend auf das Jahr 587/586 v. Chr. fiel und nicht, wie die Zeugen Jehovas es wollen, auf 607 v. Chr., 20 Jahre früher. (S. 12)

Es folgt ein zweites Vorwort, geschrieben für die englische Ausgabe von M. James Penton, ehemaliger Zeuge Jehovas und (mittlerweile emeritierter) Professor für Geschichte und Religionswissenschaft der University of Lethbridge, Alberta, Kanada. Er schildert kurz, dass Carl Olof Jonsson »1982 durch ein ›Rechtskomitee‹ oder Kirchengericht der Zeugen Jehovas in Schweden wegen seiner Zweifel an der sogenannten Bibelchronologie der Zeugen exkommuniziert wurde« und weist darauf hin, dass der Fall Jonsson »auffallend dem Inquisitionsverfahren gegen Galileo Galilei im 16. Jahrhundert [ähnelt]. Den Richtern Jonssons, genau wie denen Galileis, ging es nämlich mehr um Fragen der rechten Lehre als um die Wahrheit. Sie verfolgten einzig das Ziel, ihn zum Abschwören seiner Lehren zu zwingen oder andernfalls ihn zu isolieren und seine Gedanken als ketzerisch zu brandmarken« (S. 13).

Der Autor Carl Olof Jonsson selbst beschreibt in seinem nun folgenden Vorwort die Vorgeschichte seiner Ausarbeitung. 1968 wurde er in seiner Tätigkeit als Vollzeitprediger von einem Mann, mit dem er die Bibel studierte, aufgefordert, einen Beweis für das Jahr 607 als Zeitpunkt der Zerstörung Jerusalems zu bringen.

Ich führte daraufhin mehrfach Nachforschungen durch, was bis Ende 1975 dauerte, als die überwältigende Beweislast gegen das Jahr 607 v.u.Z. mich schließlich zwang, widerwillig einzugestehen, daß die Wachtturm-Gesellschaft Unrecht hatte. Daraufhin habe ich die Beweise noch einige Zeit mit engen Freunden besprochen, die ebenfalls an genauen Forschungen interessiert waren. Und da niemand das von mir zusammengetragene Material entkräften konnte, beschloß ich, eine systematische Abhandlung über dieses ganze Thema abzufassen, um sie der Weltzentrale der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New York, zuzusenden. Die Abhandlung wurde geschrieben un der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas im Jahr 1977 zugesandt. (S. 16f)

Doch auch die leitende Körperschaft bzw. die Schreibabteilung der Weltzentrale konnte die Beweise nicht widerlegen. Mehrfach wurde Jonsson vertröstet und ermahnt, nicht mit anderen darüber zu reden. »Ich beherzigte diesen Rat, da ich annahm, daß meine Glaubensbrüder im Wachtturm-Hauptbüro Zeit benötigten, um das ganze Sachgebiet einer gründlichen Prüfung zu unterziehen« (S. 17).

Im September 1978 wurde Jonsson dann zu einer Anhörung vor zwei Vertretern des schwedischen Zweiges der Wachtturm-Gesellschaft beordert. Ihm wurde gesagt, die Anhörung erfolge im Auftrag des Zweigbüros, »weil ›die Brüder‹ in der Brooklyner Weltzentrale über meine Abhandlung zutiefst beunruhigt seien. Noch einmal wurde ich angewiesen, die von mir zusammengetragenen Informationen nicht weiterzuverbreiten. Und man teilte mir auch mit, daß die Gesellschaft es nicht nötig habe und es auch nicht wünsche, daß einzelne Zeugen Jehovas sich mit Nachforschungen dieser Art abgäben« (S. 18).

Persönliche Anmerkung: Diese Formulierung ist in ganz ähnlicher Form immer wieder beliebt, wenn es der WTG darum geht, ihre Schäfchen vor eigenem Denken und Nachforschen zu bewahren. Siehe »Es ist nicht notwendig, daß Einzelpersonen Internet-Seiten über Jehovas Zeugen, unsere Tätigkeit oder unsere Glaubensansichten vorbereiten. Unsere offizielle Web-Site enthält genaue Informationen für alle, die sie haben möchten.« (Unser Königreichsdienst, November 1997) oder »Billigt es ›der treue und verständige Sklave‹, wenn sich Zeugen Jehovas eigenständig zusammentun, um biblischen Themen zu untersuchen und zu debattieren? (Mat. 24:45,47). Nein. Dennoch haben sich in verschiedenen Teilen der Welt einige, die mit unserer Organisation verbunden sind, zusammengetan, um eigenständig biblische Themen zu untersuchen. [...] Daher billigt der ›treue und verständige Sklave‹ keinerlei Literatur, keine Websites und keine Treffen, die nicht unter seiner Leitung hergestellt oder organisiert werden (Mat. 24:45-47)« (Unser Königreichsdienst, September 2007).

Jonsson trat unter anderem auf Grund dieser Anhörung von seinem Ältestenamt zurück und begründete dies seinen bisherigen Mitältesten in der Ortsversammlung in einem ausführlichen Brief. In den folgenden Monaten begann man dann in privatem Kreis und auch in Königreichssälen und auf Kongressen ihn und einige weitere Personen zu verurteilen, beschimpfen und verleumden. »Man nannte uns ›rebellisch‹, ›anmaßend‹, ›falsche Propheten‹, ›lächerliche Propheten, die sich ihre eigene kleine Zeitrechnung zusammenbasteln‹ und ›Ketzer‹. Wir wurden als ›gefährliche Elemente in den Versammlungen‹, als ›böse Sklaven‹, ›Gotteslästerer‹ und auch als ›unmoralische, gesetzlose Menschen‹ bezeichnet. Im privaten Gespräch ließen einige unserer Glaubensbrüder, darunter auch reisende Beauftragte der Wachtturm-Gesellschaft, verlauten, wir seien ›von Dämonen besessen‹, wir hätten ›die Gesellschaft mit Kritik beschmutzt‹ und man hätte und ›schon längst die Gemeinschaft entziehen sollen‹.« (S. 18f) Wenn die Argumente fehlen, bleibt halt nur noch ein Angriff ad hominem. Traurig, wenn ausgerechnet ›wahre Christen‹ zu solch billigen Tricks Zuflucht nehmen müssen.

Weiter schildert Jonsson die schließlich doch noch erfolgten Versuche der WTG, die Argumente zu entkräften. »Die angebliche Widerlegung allerdings erwies sich hauptsächlich als eine Wiederholung von Argumenten, die schon an verschiedenen Stellen der Literatur der Wachtturm-Gesellschaft erschienen waren und deren Unzulänglichkeit bereits in der Abhandlung gezeigt worden war« (S. 20f). Einige Zeit später, im Sommer 1981, gab die WTG das Buch »Dein Königreich komme« heraus, in dessen Anhang erneut auf die Chronologie eingegangen wurde. »Jeder, der sich einmal eingehend mit Fragen der Chronologie des Altertums befaßt hat, erkennt darin nichts weiter als ein schwaches Bemühen, eine unhaltbare Position dadurch zu verteidigen, daß man die Tatsachen verschleiert. Damit war letztlich klar geworden, daß die Gesellschaft nicht durch Fakten an ihren grundlegenden Lehren rütteln lassen will« (S. 21). Trotz Kenntnis der Faktenlage wurde also von den schwerwiegenden Beweisen gegen die Chronologie der Wachtturm-Gesellschaft quasi nichts erwähnt.

Ein weiterer sehr interessanter Teil in Jonssons umfangreichem Vorwort ist die Stellungnahme von Raymond Franz (einem ehemaligen Mitglied der ›leitenden Körperschaft‹), der im Auftrag der Wachtturm-Gesellschaft an dem (von Jonsson als hervorragend bezeichneten) Bibellexikon »Hilfe zum Verständnis der Bibel« gearbeitet hatte. Raymond Franz schreibt:

Bei der Bearbeitung des Themas ›Chronologie‹ für ›Hilfe zum Verständnis der Bibel‹ bereitete die Zeit des neubabylonischen Reichs, die sich von der Zeit der Herrschaft Nabopolassars, des Vaters Nebukadnezars, bis zur Regierung Nabonids und zum Sturz Babylons erstreckt, besondere Schwierigkeiten. Als Zeugen Jehovas waren wir natürlich daran interessiert, etwas zu finden, und sei es noch so geringfügig, das das Jahr 607 v.u.Z. als den Zeitpunkt der Zerstörung Jerusalems im 18. Jahr der Herrschaft Nebukadnezars stützte. [...]

Um diesen Beweis zu liefern, haben wir umfangreiche Nachforschungen angestellt. Zu jener Zeit (1968) war mir Charles Ploeger, ein Mitarbeiter der Weltzentrale, zur Unterstützung zugeteilt worden. Er hat wochenlang die Bibliotheken in New York City durchforstet, um irgend etwas zu finden, das die Zerstörung Jerusalems im Jahr 607 v.u.Z. auch nur irgendwie bestätigen könnte. Wir fuhren auch an die Brown University, um mit Dr. A. J. Sachs zu sprechen, einem Spezialisten für astronomische Texte aus der Zeit des neubabylonischen Reiches und der angrenzenden Zeiträume. Der ganze Aufwand erbrachte rein gar nichts an Beweisen für das Jahr 607 v.u.Z. [...]

Sollten die historischen Belege einer klaren Aussage der Bibel widersprechen, so würde ich ohne Zögern am Bibelbericht als dem zuverlässigeren festhalten. Ich sehe aber, daß sie hier nicht einer klaren Aussage der Bibel, sondern einer Auslegung mehrerer Abschnitte der Bibel wiedersprechen, denen eine Bedeutung zugeschrieben wird, die in der Bibel selbst nicht genannt wird.

(Raymond Franz, zitiert in Jonsson, S. 25)

An anderen Stellen wird ebenfalls deutlich, dass es auch Jonsson keineswegs um Widerlegung der Bibel geht. Es ist wichtig, dies herauszustellen, denn viele Zeugen Jehovas sind der Meinung, ein Leugnen der Jahreszahl 607 v.u.Z. würde gleichbedeutend sein mit einem Verwerfen des Bibelberichts. Das Gegenteil ist der Fall. Die biblischen Aussagen lassen sich sehr gut in Harmonie mit dem wahren Zeitpunkt der Zerstörung Jerusalems interpretieren - 20 Jahre später als es die Wachtturm-Chronologie gerne hätte.

Soviel zum ausführlichen Vorwort Carl Olof Jonssons, das eigentlich auch als erstes Kapitel hätte bezeichnet werden können. Während das Vorwort die Geschichte eines Ringens um Wahrheit schildert, befasst sich das Kapitel 1 des Buches mit einem anderen geschichtlichen Aspekt:

Die Geschichte einer Auslegung

»Alle Ideen haben ihre Geschichte. Nur leider sind sich die Anhänger bestimmter Ideen dessen nicht bewußt. Weiß man aber nichts über den Anlaß, die Ursprünge und den Entwicklungsstrang einer Idee, so meint man oft, sie sei wahr, selbst wenn das gar nicht der Fall ist. Auf solcher Unkenntnis gedeiht sehr leicht Fanatismus.« (S. 27) Um also zu verstehen, wie Charles Taze Russell auf seine Vorstellung von 2520 Jahre andauernden »Heidenzeiten« und ihr angebliches Ende im Jahr 1914 kam, ist es nützlich zu sehen, wie diese Idee entstand. Auf etwa 30 Seiten widmet sich das erste Kapitel des Buches »Die Zeiten der Nationen näher betrachtet« diesem Thema.

Das Kapitel zeigt zunächst, wie der Grundsatz »ein Tag für ein Jahr« Anwendung auf biblische Prophezeiungen fand. Man findet diesen Grundsatz in der Bibel beispielsweise im Zusammenhang mit den 40 Jahren Wüstenwanderung Israels als Entsprechung für die 40 Tage, in denen Kundschafter das verheißene Land ausgeforscht hatten (4. Mose 14:34). Hier ist die Auslegung »ein Tag für ein Jahr« in der Bibel selbst zu finden (ebenso in Hesekiel 4:6).

Doch es dauerte bis zum ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, bis dieser Grundsatz als allgemeines Prinzip auch für andere Prophezeiungen formuliert wurde, und zwar von Rabbi Akibah ben Joseph. Im 9. Jahrhundert wandte Rabbi Nahawendi dies auch auf die 2300 Tage aus Daniel Kapitel 8 an. Auch andere Auslegungen der 2300 Tage als Jahre wurden vorgenommen. Sie führten in die unterschiedlichsten Zeiträume, beispielsweise 1358 oder 968 u.Z. Jonsson nennt genauere Einzelheiten und Quellen, auf die ich hier in der Zusammenfassung nicht eingehe.

Joachim von Fiore, Abt des Zisterzienserklosters von Corace (Corazzo), war Ende des 12. Jahrhunderts der erste christliche Autor, der das Jahr-Tag-Prinzip auf die langen Zeitabschnitte aus Daniel und Offenbarung anwandte. Jonsson zeigt im weiteren Verlauf des ersten Kapitels, wie dann in der Folgezeit diese Überlegungen mit den »Heidenzeiten« aus Lukas 21 in Verbindung gebracht wurden. Auch Charles Taze Russell und seine Nachfolger wurden von diesen verschiedenen Auslegungen beeinflusst und brachten (bis 1930) den Beginn der Endzeit mit dem Ende der französischen Revolution 1798/1799 in Verbingung.

Carl Olof Jonsson spannt den Bogen der zahllosen Endzeit-Interpretationen weiter über die Miller-Bewegung (Adventisten) und John Aquila Brown bis hin zu Nelson H. Barbour, der ein Mitverbundener Millers gewesen war und der die Zeitschrift »The Herald of the Morning« herausgab. Charles Taze Russell übernahm 1876 von Barbour sämtliche Zeitberechnungen, auch die für die Heidenzeiten. Jonsson schreibt über die Begegnung von Barbour und Russell in Philadelphia: »Noch während Russell sich in Philadelphia aufhielt, schrieb er einen Artikel mit der Überschrift ›Die Heidenzeiten: Wann sollen sie enden?‹, den George Storrs in seiner Zeitschrift Bible Examiner in der Nummer vom Oktober 1876 druckte. Auf Seite 27 nimmt er dort Bezug auf die ›sieben Zeiten‹ aus 3. Mose 26:27, 33 und Daniel 4 und gibt die Länge der Heidenzeiten mit 2520 Jahren an; diese hätten 606 v.u.Z. begonnen und würden 1914 enden, ›wenn Jerusalem für immer befreit werden wird und der Jude zu dem Befreier sagen wird: 'Siehe, unser Gott, auf den wir gewartet haben und der uns retten wird!'.‹« (S. 44).

Was Russell sonst noch für das Jahr 1914 erwartete, zeigt Jonsson anhand eines ausführlichen Zitats aus Band 2 der Schriftstudien. Demnach sollte das Königreich Gottes auf Erden aufgerichtet werden, Jerusalem sollte nicht mehr länger von den Nationen zertreten werden, etc. 20 Jahre vor dem Termin, im Jahr 1894, schrieb Russell, es handele sich um »Gottes Daten«. Je näher das Jahr 1914 kam, desto vorsichtiger wurde er mit seinen Aussagen, wie das Buch mit zahlreichen Zitaten belegt. Es wird deutlich, dass sein Vertrauen zur eigenen Chronologie immer mehr schwand. Doch als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, gewann er dieses Vertrauen wieder. Zwar waren die Ereignisse überhaupt nicht das, was er vorausgesagt hatte, doch er behalf sich (wie schon viele Endzeitpropheten vor ihm) mit der Aussage, man habe wohl ›ein unrichtiges Ereignis zur richtigen Zeit erwartet‹. »Der Wille des Herrn könnte dies zulassen«, schrieb Russell bereits im März 1914 im Wachtturm (S. 49f).

Das Kapitel 1 enthält außerdem zwei aufschlussreiche Tabellen. Tabelle 1 zeigt die »Deutungen der 1260 Jahr-Tage« von über 30 Bibelkommentatoren, angefangen von Joachim von Floris im Jahr 1195 über Martin Luther 1530 bis hin zu John Aquila Brown im Jahr 1823, der sie in dem (für den Adventismus bedeutsamen) Jahr 1844 enden ließ (S. 35f). Tabelle 2 zeigt ähnlich viele »Deutungen der 2520 (oder 2450) Jahre« von Brown über Miller und viele andere bis zu Barbour und Russell und anderen Zeitgenossen im 19. Jahrhundert (S. 55f).

Carl Olof Jonsson fasst die vielen Quellen und Zitate in seinem Kapitel über »die Geschichte einer Auslegung« selbst zusammen. Hier ein Auszug aus seiner Zusammenfassung:

Die Deutung der »Heidenzeiten«, nach der diese 2520 Jahre dauerten und von 607 v.u.Z. (anfangs 606 v.u.Z.) bis 1914 liefen, wurde Pastor Charles T. Russell nicht auf wundersame Weise im Herbst 1876 offenbart. Im Gegenteil, diese Auffassung hatte eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich und ihre Ursprünge reichen bis weit in die Vergangenheit zurück. [...]

Als im Laufe der Zeit die Erwartungen sich nicht erfüllten und die frühen Deutungen sich als falsch erwiesen, verschob man den Zeitpunkt, von dem ab die 1260 (oder 1290) Jahre zählten, immer weiter nach vorn, damit sie jeweils in der nahen Zukunft endeten.

Auf die Zeitspanne von 2520 Jahre kam anscheinend als erster John Aquila Brown im Jahr 1823. [...] Brown legte das Jahr 604 v.u.Z. als Ausgangspunkt fest und kam so auf 1917 als den Abschluß der sieben Zeiten. In den folgenden Jahrzehnten erhielten andere Bibelkommentatoren durch die Wahl unterschiedlicher Ausgangszeitpunkte etliche abweichende Enddaten. [...] Wie man daraus (aus der Tabelle 2) ersieht, kamen einige dem Jahr 1914 sehr nahe, das Nelson H. Barbour 1875 als erster veröffentlicht hatte. Das Jahr wäre wohl längst im Meer der unerfüllt gebliebenen anderen Daten versunken und keiner würde mehr davon reden, wäre es nicht dem Datum des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs so nahe gekommen. Russell übernahm Barbours Berechnung, als er sich mit ihm 1876 traf. Barbour war damals 52 Jahre alt, Russell dagegen mit 24 Jahren noch sehr jung. Ihre Wege trennten sich im Frühjahr 1879, doch Russell behielt die Zeitrechnung Barbours bei, und seit jenen Tagen spielt das Jahr 1914 unter den Anhängern Russells eine so herausragende Rolle bei der Deutung der biblischen Prophezeiungen. (S. 54f)

Die Chronologie der neubabylonischen Zeit

Damit kommt meine Zusammenfassung des Buches »Die Zeiten der Nationen näher betrachtet« von Carl Olof Jonsson zum für mich wichtigsten Kapitel. Auf etwa 50 Seiten beschreibt der Autor ausführlich sieben verschiedene Beweislinien, die gegen eine Datierung der Zerstörung Jerusalems auf das Jahr 607 v.u.Z. sprechen und vielmehr auf einen 20 Jahre späteren Zeitpunkt hinweisen (587 v.u.Z.). Jonsson zeichnet jede dieser Beweisketten mit wissenschaftlicher Präzision und vielen Quellenangaben nach.

Natürlich kann ich hier in dieser kurzen Zusammenfassung nicht auf Details eingehen. Diese findet man in dem besprochenen Buch. Einen groben Überblick über die Argumentation und Widerlegung der Wachtturm-Chronologie möchte ich hier aber doch versuchen:

Zunächst schreibt Jonsson (S. 57), dass die Berechnung des Jahres 1914 unmittelbar mit der Dauer des neubabylonischen Reiches zusammenhängt, das mit der Eroberung Babylons durch den Perser Kyros im Jahr 539 v.u.Z. zu Ende ging. Dieses Datum wurde von heutigen Astronomen eindeutig fixiert. Es ist auch von der Wachtturm-Gesellschaft akzeptiert und sogar als »absolutes Datum« bezeichnet worden, wobei Jonsson in einer ausführlichen Fußnote aufzeigt, wie dieses Datum bestimmt wurde. Gemäß Wachtturm-Lehre kehrte der jüdische Überrest aufgrund eines Erlasses des Kyros im Jahr 537 v.u.Z. nach Jerusalem zurück. Damit endeten - so die Zeugen Jehovas - 70 Jahre vollständiger Verwüstung Judas und Jerusalems, woraus sich ableiten lässt, dass die Zerstörung Jerusalems 607 v.u.Z. gewesen sei. Von dort ausgehend werden dann die 2520 Jahre bis zum Jahr 1914 berechnet.

Jonsson beschreibt seine sieben Beweislinien gegen das Jahr 607 sehr ausführlich und mit zahlreichen Quellenangaben. Am Ende des Kapitels (S. 105) gibt er selbst eine etwa sechsseitige »Zusammenfassung und Schlussfolgerung«, die deutlich aufzeigt, dass vier dieser Beweisketten unabhängig voneinander sind. Diese vier Beweislinien werden nun kurz umrissen:

1. Chroniken und andere geschichtliche Aufzeichnungen

Die bisher ausgegrabenen neubabylonischen Chroniken zeigen, dass die Angaben der Regierungszeiten der neubabylonischen Herrscher bei Berossos und im Ptolemäischen Kanon unverändert bewahrt wurden. Sie weisen auf 604/603 u.u.Z. als das erste Jahr Nebukadnezars hin, und somit war 587/586 v.u.Z. das 18. Regierungsjahr, in dem er Jerusalem zerstörte.

Eine weitere Beweiskette ergibt sich aus der sogenannten »Hillah-Stele« in Kombination mit anderen Schriftstücken. Der Tempel Echulchul lag demzufolge 54 Jahre in Trümmern, bis Nabonid in seinem Antrittsjahr den Befehl erhielt, ihn wieder aufzubauen. Auf der Hillah-Stele (Nabon. No. 8) sind astronomische Beobachtungen verzeichnet, die das erste Jahr Nabonids auf 555/554 v.u.Z. festlegen. Diese Beweiskette führt über Nabopolassar ebenfalls auf 604/603 als Nebukadnezars erstes Regierungsjahr.

Eine dritte Beweislinie stützt sich auf die Königsinschrift Nabon. H 1, B (Ada-Guppi-Stele). Sie nennt die Regierungszeiten aller neubabylonischen Könige bis zum 9. Jahr Nabonids. Auch diese Informationen stimmen mit Berossos und dem Ptolemäischen Kanon überein.

Jonsson fasst diese drei Quellen als eine Beweislinie zusammen, »da nicht eindeutig bewiesen werden kann, daß sie voneinander unabhängig sind«. Berossos und der Verfasser des Ptolemäischen Kanons bezog seine Daten aus den babylonischen Chroniken. Auch sind andere Abhängigkeiten denkbar, was aber die Beweiskraft dieser Quellen nicht schwächt, sondern stärkt (S. 106f).

2. Handels- und Verwaltungsurkunden

Nach meinem Geschmack ist dies das schönste und ›griffigste‹ Argument; man kann es sich auch vorzüglich für den Predigtdienst merken, ;-) also falls mal Zeugen Jehovas vor der Tür stehen, die bereit sind, mit einem über die Chronologie der sieben Zeiten zu diskutieren.

Jonsson führt aus, dass zehntausende von Urkunden aus Handel und Verwaltung gefunden wurden, die jedes Jahr des neubabylonischen Reiches mit hunderten Funden belegen. Sie sind datiert mit Tag, Monat und Regierungsjahr des amtierenden Königs. Sie unterstützen die ›weltliche‹ Chronologie, denn die 20 zusätzlichen Jahre, die die Wachtturm-Chronologie benötigen würde, sind unter zehntausenden Schriftstücken einfach nicht zu finden.

Diese Urkunden sind beispielsweise Geschäftsbriefe oder auch einfache Quittungen z. B. über die Lieferung von 1,5 Talenten Salz. Anhand des Datums, das sie selbst tragen, lässt sich die Herrschaftszeit der neubabylonischen Könige teilweise bis auf den Tag genau bestimmen. Jonsson zitiert unter Anderen die Forscher Parker und Dubberstein, die in ihrem Werk »Babylonian Chronology« auf den in Uruk gefundenen letzten Text aus der Herrschaftszeit Nabonids hinweisen, der VII/17/17 datiert ist (13. Oktober 539, Julianischer Kalender), obwohl Babylon gemäß der Chronik des Nabonid am VII/16/17 gefallen ist, also einen Tag eher. Die einleuchtende Erklärung: »Die Nachricht von dem Sturz war noch nicht bis in die über 200 Kilometer südlich gelegene Stadt gedrungen« (S. 82f).

Alleine von dem Bankhaus »Egibi und Söhne« gibt es tausende datierte Tafeln. Da diese Handelsurkunden aus der Epoche selber stammen, ist ihre Beweiskraft besonders hoch anzusetzen. Diese Quellen verweisen ebenfalls eindeutig auf 587/586 v.u.Z. als Nebukadnezars 18. Regierungsjahr, in dem er Jerusalem zerstörte. Die 20 zusätzlichen Jahre der Wachtturm-Chronologie sind in der neubabylonischen Geschichte einfach nicht zu finden. Kaum anzunehmen, dass während dieser 20 Jahre sämtliche Geschäftstätigkeit des Bankhauses und sämtlicher anderer Urkundenschreiber ruhte, während jedes andere Jahr dieser Epoche mit hunderten Fundstücken belegt ist.

Eine Veranschaulichung möchte ich hier noch persönlich hinzufügen (für den ›Predigtdienst‹): Stell Dir vor, jemand würde behaupten, Helmut Kohl sei nicht 16 Jahre, sondern 36 Jahre Bundeskanzler gewesen. Zwar gibt es weder Tagesschau-Mitschnitte oder Zeitungsartikel, noch gibt es Schriftstücke aus dem Kanzleramt, die die fehlenden 20 Jahre belegen könnten. Auch alle Lexika sprechen übereinstimmend von einer Kanzlerschaft von 16 Jahren. Wie glaubwürdig wäre also die Aussage desjenigen, der trotz gegenteiliger Faktenlage behauptet, Kohl sei 36 Jahre deutscher Kanzler gewesen?

3. Astronomische Tagebücher

Das astronomische Tagebuch »VAT 4956« enthält etwa 30 astronomische Beobachungen aus Nebukadnezars 37. Jahr, die von neuzeitlichen Astronomen eindeutig dem Jahr 568/567 v.u.Z. zugeordnet werden können. Die geschilderte Kombination von astronomischen Ereignissen kommt in tausenden Jahren nicht noch einmal vor, daher ist die Beobachtung unstrittig aus dem genannten Jahr, das als Nebukadnezars 37. Jahr bezeichnet wird. Demzufolge muss sein 18. Regierungsjahr 587/586 v.u.Z. gewesen sein.

Eine weitere Beweiskette lässt sich aus einem anderen astronomischen Tagebuch ableiten, wie man Jonssons Buch entnehmen kann. »Genau genommen hätten diese beiden astronomischen Tagebücher als zwei separate Beweislinien gelten können« (S. 108), aber Jonsson fasst sie zusammen, weil das frühere Astronomische Tagebuch als Stütze für VAT 4956 angesehen wird.

4. Synchronismen zur zeitgenössischen ägyptischen Chronologie

Es gibt vier Synchronismen zwischen der ägyptischen Chronologie der 26. Dynastie und der neubabylonischen Chronologie. Drei dieser Zeitgleichheiten stammen aus der Bibel (2. Könige 23:29, Jeremia 46:2; 44:30), die vierte von einem Keilschrifttext (B. M. 33041). Da die ägyptische Chronologie unabhängig von den Chronologien der anderen Völker als gesichert gilt, und diese die Jahreszahlen der bereits beschriebenen Beweislinien stützt, kann sie als zusätzliche unabhängige Beweislinie gezählt werden. »Ein Vergleich mit der Chronologie der Wachtturm-Gesellschaft dagegen weist durchgehend eine Differenz von etwa 20 Jahren auf. Alle vier Zeitgleichheiten mit der ägpytischen Chronologie widerlegen das Jahr 607 v.u.Z. als Datum der Zerstörung Jerusalems und bekräftigen einmal mehr das Jahr 587/586 v.u.Z. als das korrekte Datum« (S. 108f).

Zusammenfassung

Carl Olof Jonsson fasst am Ende seines zweiten Kapitels die Beweiskraft der vorgetragenen Argumente wie folgt zusammen:

Die Beweiskraft dieses gesamten Materials ist überwältigend und schlüssig. Nehmen wir einmal an, die Daten des Berossos über die Regierungszeiten der neubabylonischen Könige enthielten einen Fehler von 20 Jahren, wie die Chronologie der Wachtturm-Gesellschaft dies fordert. Dann müßten der oder die Autoren des Ptolemäischen Kanons rund 400 Jahre danach genau denselben Fehler gemacht haben, und zwar offenbar unabhängig von Berossos! Man könnte natürlich argumentieren, sie häten einfach beide einen Fehler wiederholt, der in ihren Quellen steckte, also in den neubabylonischen Chroniken. Dann hätten auch die Schreiber Nabonids, die möglicherweise dieselben Quellen nutzten, 20 Herrschaftsjahre desselben Königs (oder der Könige) unter den Tisch fallen lassen müssen, als sie die Hillah-Stele und die Adda-Guppi-Stele beschrifteten. Ist es aber wirklich wahrscheinlich, daß Schreiber, die zu Zeiten des neubabylonischen Reichs tätig waren, die Länge der Regierungszeiten von Königen, unter deren Herrschaft sie lebten, nicht wußten, insbesondere wenn man berücksichtigt, daß diese Regierungsjahre die Funktion von Kalenderjahren hatten, nach denen man Ereignisse datierte? Hätten sie einen so abwegigen Fehler tatsächlich begangen, wie konnten dann die zeitgenössischen Schreiber Ägyptens denselben Fehler machen und dieselben 20 Jahre verschwinden lassen, wenn sie Totenstelen und andere Urkunden beschrieben? Seltsamerweise müssen auch die babylonischen Astronomen denselben ›Fehler‹ gemacht haben, als sie das Datum auf den Text VAT 4956 setzten, wobei sie nicht nur das Regierungsjahr änderten, sondern auch noch den Namen des regierenden Königs - es sei denn, die Änderungen wären später von Schreibern der Seleukidenzeit absichtlich vorgenommen worden, wie es die Wachtturm-Gesellschaft behauptet. [...] Der aufsehenerregendste ›Zufall‹ aber ist dieser: Zehntausende datierter Urkunden aus Handel und Verwaltung der neubabylonischen Zeit sind ausgegraben worden, die jedes Jahr dieser Epoche belegen, nur die 20 Jahre nicht, die die Wachtturm-Gesellschaft so gern gesehen hätte; aus diesen Jahren wurde keine einzige Tontafel gefunden. [...] Entweder hat über mehrere Jahrhunderte hinweg eine internationale Übereinkunft bestanden, diese 20 Jahre aus der Geschichte auszulöschen - oder diese Jahre hat es nie gegeben! Bestand tatsächlich je eine derartige ›Verschwörung‹, dann war sie so erfolgreich, daß es unter all den Zehntausenden von Tontafeln, die in Babylon ausgegraben wurden, nicht eine gibt, nicht einmal eine einzige Zeile in ihnen, die darauf hingewisen hätte, daß es diese 20 Jahre gab. Wir können daher als gesichert annehmen, daß die Chronologie der Wachtturm-Gesellschaft eindeutig falsch ist. (S. 109f)

Interessanterweise schrieb der englische Watch Tower in der Ausgabe vom 15. Juli 1922 selbst: »Wenn ein Datum durch mehrere Beweislinien gestützt wird, dann steht es als gesichert fest«. Wenn dies aber die Daten der wachtturmeigenen Chronologie eindeutig widerlegt, will man davon nichts wissen, und man versucht viel mehr, die Fakten der Gegenseite zu unterdrücken und die eigenen »Schäfchen« unwissend zu halten. Machterhalt hat in den Chefetagen Brooklyns offenbar eine höhere Bedeutung als Wahrheit. Millionen von Zeugen Jehovas verschließen ihre Augen lieber vor den Tatsachen, statt den Irrtum einzugestehen. Denn mit der Aufgabe des Datums 607 v.u.Z. fällt auch die Lehre von 1914. Und damit auch die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, dass C. T. Russell in besonderer Weise von Gott auserwählt wurde, worauf auch die heutige WTG-Führung ihren Machtanspruch gründet.

Exegetische Probleme und Lösungsvorschläge

Das dritte Kapitel wendet sich auf knapp 60 Seiten den Fragen zu, vor denen Bibelgläubige stehen, die sich im Zweifelsfall eher für die Aussagen der Bibel als für die Argumente der Wissenschaftler entscheiden würden. Zu diesen gehört nach eigenem Bekenntnis auch Jonsson, ebenso wie der anfangs zitierte Raymond Franz. In den folgenden Unterabschnitten des Kapitels 3 zeigt Jonsson eine überzeugende Auslegung der entsprechenden Bibelaussagen, die in Übereinstimmung mit den geschichtlichen Tatsachen ist:

Mit der ihm eigenen Gründlichkeit behandelt Jonsson in diesen Unterabschnitten umfangreiches Quellenmaterial und zeigt deutlich auf, dass die korrekte Datierung der Zerstörung Jerusalems auf 587 v.u.Z. nicht im Widerspruch zur Bibel steht, sondern sich mit deren Aussagen gut vereinbaren lässt. Wer aufgrund der eindeutigen Faktenlage das Jahr 607 v.u.Z. als Datum der Zerstörung Jerusalems aufgibt, verwirft damit also nicht die Bibel, sondern lediglich die Chronologie der Wachtturm-Gesellschaft, die sie (zumindest in dieser Frage) aus eigennützigen Gründen über die Wahrheit stellt.

Die Argumentation zu den einzelnen Aspekten hier jetzt nachzuzeichnen, würde zu weit führen; dem ernsthaft daran Interessierten bleibt ja die Lektüre des Buches. Im letzten Unterabschnitt des Kapitels zieht Jonsson folgendes Resümee:

Wenn die Heidenzeiten nicht im Jahr 1914 zu Ende gingen und auch die Gegenwart Christi damals nicht begann, weshalb brach dann der Erste Weltkrieg in einem Jahr aus, das 39 Jahre eher vorhergesagt worden war? Das ist doch sehr auffällig. Man muß sich aber als erstes daran erinnern, daß in jenem Jahr nichts von dem eingetreten ist, was vorhergesagt war. Und zweitens war eine endlose Zahl von Jahren als Datum des zweiten Kommens Christi genannt worden, ebenso für das Ende der Heidenzeiten. Manchmal kommt es vor, daß an einem vorausgesagten Datum zufällig ein wichtiges historisches Ereignis eintritt, wenn auch dieses selbst nicht angekündigt war. [...]

In diesem Kapitel wurde als erstes gezeigt, daß die Prophezeiung von den 70 Jahren gut mit dem Jahr 587 v.u.Z. als Datum der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar in Einklang ist. Die 2520 Jahre können also nicht 1914 zu Ende gegangen sein. Als nächstes wurde behandelt, daß eine Verschiebung des Endes der Heidenzeiten von 1914 auf 1934 nur einen weiteren Fehlschlag zur Folge ätte. Dann wurde die Frage gestellt, ob die Berechnung der 2520 Jahre überhaupt eine Stütze in der Bibel findet. Die Analyse ergab, daß dies nicht der Fall ist. Schließlich wurde untersucht, wie die geänderte Bedeutung des Jahres 1914 in den Veröffentlichungen der Wachtturm-Gesellschaft seit 1922 behandelt wurde, und schwere Mängel wurden festgestellt. Sollte angesichts all dieser Gründe nicht das Jahr 1914 als Schlüsseldatum für die Erfüllung biblischer Prophezeiungen in unserem Jahrhundert ganz und gar verworfen werden? Die Antwort darauf ist eindeutig. (S. 166-168)

Nachwort und Anhänge

Es folgen noch ein Nachwort, vier Anhänge, der Nachtrag 1989 und das Literaturverzeichnis. Das Nachwort beginnt mit dem Thema »Ein Versuch, die Tatsachen zu verschleiern« und zeigt ausführlich auf, wie die Wachtturm-Gesellschaft auf die Argumente Jonssons, die ihr seit dem Jahr 1977 bekannt sind, reagiert hat. In dem 1981 erschienenen Buch »Dein Königreich komme« veröffentlichte sie einen »Anhang zu Kapitel 14«. Darin wird laut Aussage Jonssons kurz auf einige Beweislinien gegen 607 v.u.Z. eingegangen und dann werden diese zurückgewiesen. Jonssons Nachwort zeigt in mehreren Unterabschnitten auf, dass von einer sachlich einwandfreien Behandlung des Gegenstands nicht die Rede sein kann, sondern dass bewusst eine »Falschdarstellung historischer Tatbestände«, eine »Falschdarstellung von Gelehrten«, eine »Falschdarstellung von Schreibern des Altertums« und eine »Falschdarstellung der Aussagen der Bibel« vorgenommen wurde. Dann fasst Jonsson die Vorgehensweise der Wachtturm-Gesellschaft mit folgenden Worten zusammen: »Es ist besorgniserregend zu erleben, wie achtlos und unaufrichtig Menschen, auf deren geistige Leitung sich Millionen verlassen, mit Fakten umgehen. Bei dem von ihnen vorgelegten ›Anhang‹ zu dem Buch ›Dein Königreich komme‹ handelt es sich um nichts anderes als ein weiteres gerissenes Schaustück in Sachen Wahrheitsverschleierung.« (S. 185f)

Die Anhänge widmen sich noch einigen Detailfragen. So geht es im Anhang A um die Datierungsmethoden für Regierungsjahre. In Babylon und Medo-Persien verwendete man das System der Nachdatierung: Das Jahr der Thronbesteigung war das Antrittsjahr, das erste volle Regierungsjahr wurde als erstes Jahr des Königs bezeichnet. In Ägypten und - wie Jonsson beweist - auch im Königreich Juda wurde mit Vordatierung gerechnet: Das Antrittsjahr wurde bereits als erstes Regierungsjahr gezählt, auch wenn der König in jenem Jahr nur wenige Wochen regierte, weil das Jahr sich schon dem Ende näherte. Ein weiteres Datierungsproblem wird in Anhang A ebenfalls beleuchtet: Nisanjahre und Tischrijahre. Wie auch in »Hilfe zum Verständnis der Bibel« erläutert wurde, waren zwei Jahresanfänge üblich: 1. Nisan und 1. Tischri, wobei im Monat Nisan das heilige Jahr begann, während das bürgerliche Jahr ab Tischri gezählt wurde.

Anhang B widmet sich Daniel 1:1,2 und Daniel 2:1. Anhang C stellt die 70 Jahre als Zeittafeln mit Erläuterungen dar, während Anhang D auf Nebukadnezars ›sieben Zeiten des Wahnsinns‹ und auf Lukas 21:24 eingeht, wo von den »Zeiten der Heiden« oder »bestimmten Zeiten der Nationen« die Rede ist.

Weiter folgt ein Nachtrag von 1989 mit der Widerlegung von Gegenargumenten, die in den ersten Jahren nach Jonssons Veröffentlichung formuliert wurden. Auch zusätzliches Beweismaterial ist in diesem Nachtrag erläutert. Ein Literaturverzeichnis schließt das umfangreiche Werk dann nach etwa 270 Seiten ab.

Mein persönliches Fazit über dieses Buch, das ich im April 2009 aus der Infolink-Vereinsbibliothek ausgeliehen und vollständig gelesen habe: Trotz des komplexen Themas mit hohem wissenschaftlichem Anspruch gelingt es Carl Olof Jonsson in seinem Buch »Die Zeiten der Nationen näher betrachtet« sehr gut, seine Argumente so vorzutragen, dass sie auch für Nicht-Historiker verständlich und nachvollziehbar sind. Wer sich einer religiösen Gruppe von »wahrheitsliebenden« Menschen zugehörig fühlt, kann mit diesem Buch sehr gut selbst überprüfen, wie es wirklich um die Wahrheitsliebe seiner Gemeinschaft bestellt ist. Wer also logisch aufgebaute Texte nicht scheut, die statt ›Studienfragen‹ korrekte Quellenangaben und Fußnoten am unteren Seitenrand verzeichnet haben, dem sei dieses Buch empfohlen, das jetzt auch in einer Neuauflage wieder erhältlich ist.

Für einen Zeugen Jehovas, der seit Jahrzehnten mit ständigem Blick auf 1914 daran erinnert wurde, wie weit wir angeblich in der »Zeit des Endes« fortgeschritten sind, wird die Erkenntnis besonders schmerzhaft sein, von der Leitung der eigenen Religionsgemeinschaft über Jahrzehnte hintergangen worden zu sein, was die Berechnung der Grundlage dieser Lehre betrifft. Manch einer hat angesichts der vorgetäuschten Dringlichkeit unserer Zeitperiode den Dienst als Vollzeitprediger (»Pionier«) aufgenommen und dafür teils sogar Haus und Hof verkauft, oder seinen Kinderwunsch auf das angeblich ganz nahe bevorstehende »neue System« verschoben oder andere tiefe Einschnitte in die Lebensplanung vorgenommen. Die Erkenntnis, dass die Jahreszahl 1914 als Jahr biblischer Prophetie genauso wenig haltbar ist wie 1799, 1844 oder 1975, wird in solchen Fällen besonders schmerzhaft sein. Bei der Lektüre des Buches sollte man daher im Hinterkopf behalten, dass es nicht um die Widerlegung eines belanglosen Zahlenspiels geht, sondern um eine Lehre, die in das Leben von Millionen Menschen massiv eingegriffen hat. Gerade dies macht das hier besprochene Buch so bedeutsam.

Hier besprochene Ausgabe: © 1992 Oros Verlag, Altenberge, ISBN 3-89375-048-7
Neue, überarbeitete Ausgabe: © 2008 Bruderdienst Missionsverlag, ISBN 978-3-00-023952-6

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