(Zuletzt aktualisiert: 24. April 2002)


Rotkäppchen

wie es ein Mathematiker seinen Kindern erzählt

Es war einmal ein Mädchen. Dem wurde eindeutig eine rote Kappe zugeordnet, wodurch es als Rotkäppchen definiert wurde.

"Kind", argumentierte die Mutter, "werde kreativ, finde auf dem durch die Menge aller Waldwege bestimmten planaren Graphen die kürzeste Verbindung zur Großmutter, analysiere aber nicht die Blumen am Wege, sondern durchlaufe Deinen Weg mit zeitlich streng monoton wachsender Bogenlänge!"

Rotkäppchen vereinigte einen konvexen Kuchen und eine nichtleere Flasche Wein zu einer endlichen Menge, hinterfragte noch mal den Weg kleinster Länge und begann mit dessen Durchlaufung in der vorgegebenen Richtung.

Im Walde schnitt ihr Weg den Weg eines Wolfes. Er diskutierte mit ihr über die Relevanz eines Blumenstraußes für die Großmutter und motivierte sie, einen geordneten, höchstens abzählbaren Strauß in geeigneter Weise zu verknüpfen.

Inzwischen machte der Wolf die Großmutter zu einer Teilmenge von sich. Als Rotkäppchen sich dem Ort der Großmutter hinreichend genähert hatte, sagte sie: "Großmutter, warum hast Du so große Augen?"

"Damit ich Dich visuell besser erfassen kann."

"Großmutter, warum hast Du so große Ohren?"

"Damit die Wahrscheinlichkeit der akustischen Wahrnehmung größer 0,975 ist."

"Großmutter, warum hast Du so einen großen Mund?"

"Damit der Durchmesser meines geöffneten Mundes mindestens dem des größten Tellers entspricht."

Daraufhin macht sich der Wolf zur konvexen Hülle Rotkäppchens. Ein Jäger kam, sah eine leere Menge von Großmüttern im Hause und problematisierte die Frage, bis sie ihm transparent wurde, und er einen einfachen Lösungsalgorithmus fand. Er nahm sein Messer und machte aus dem Wolf eine Schnittmenge. Die im Innern des Wolfes integrierten Personen wurden schleunigst von ihm subtrahiert. Zum Wolf wurde eine Menge von Steinen großer Mächtigkeit addiert und seine Oberfläche wieder verschlossen. Er fiel in einen zylindrischen kartesischen Brunnen und mußte dort bleiben, bis seine Restmenge nur noch aus dem Nullelement bestand.


(Der Name des Autors war mir bis April 2002 leider unbekannt. Laut einer eMail lautet die Quelle: Friedrich Wille, "Humor in der Mathematik", Vandenhoeck & Ruprecht.
Ob der obige Text jedoch wörtlich und korrekt aus dieser Quelle zitiert ist, kann ich leider nicht bestätigen, da mir das Werk von Friedrich Wille nicht vorliegt.)

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