(Zuletzt aktualisiert: 2. Juli 1999)


Märchenstunde für Beamte:

Rotkäppchen

wie es der Herr Staatssekretär seinen Kindern erzählt

Im Kinderfall unserer Stadtgemeinde ist eine hierorts wohnhafte, noch unbeschulte Minderjährige aktenkundig, welche durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsrechtlich Rotkäppchen genannt zu werden pflegt.

Der Mutter besagter R. wurde seitens ihrer Mutter ein Schreiben zustellig gemacht, in welchem dieselbe Mitteilung ihrer Krankheit und Pflegebedürftigkeit machte und um Zustellung einer Sendung von Nahrungs- und Genußmitteln zu Genesungszwecken bat. Vor ihrer Inmarschsetzung wurde die R. seitens ihrer Mutter über das Verbot betreffs des Verlassens der Waldwege auf Kreisebene unterrichtet. Dieselbe machte sich jedoch infolge von gravierender Nichtbeachtung dieser Vorschrift straffällig und begegnete sodann beim zusätzlichen Übertreten des amtlichen Blumenpflückverbotes einem polizeilich nicht gemeldeten Wolfe ohne festen Wohnsitz.

Dieser verlangte in gesetzwidriger Amtsanmaßung Einsicht in das zu Transportzwecken von Konsumgütern dienende Korbbehältnis, welches die R. mitführte, und traf in Tötungsabsicht die Feststellung, daß die R. zu ihrer verschwägerten und verwandten, im Baumbestand angemieteten Großmutter eilend war. Da seitens des Wolfes eine Knappheit an Nahrungsmitteln vorlag, faßte dieser den Entschluß, bei der Großmutter der R. unter Vorlage falscher Papiere vorstellig zu werden. Weil dieselbe wegen eines Augenleidens krankgeschrieben war, gelang dem in Fressvorbereitung befindlichen die diesfallsige Täuschungsabsicht zur Durchführung zu bringen, wobei es zu einem strafbaren Mundraub kam. Ferner täuschte das Tier bei der später eintreffenden R. seine Identität mit der Großmutter vor, stellte dieser nach und in der Folge durch Zweitverschlingung der R. seinen Tötungsvorsatz unter Beweis.

Der sich auf einem Dienstgang befindliche und für das örtliche Forstwesen zuständige Waldbeamte B. vernahm Schnarchgeräusche und stellte deren Urheberschaft seitens des Maules des polizeilich nicht gemeldeten Tieres fest. Er reichte bei seiner vorgesetzten Dienststelle ein Tötungsgesuch ein, das dortens zuschlägig beschieden und pro Schuß bezuschusst wurde. Nach Beschaffung einer Pulverschießvorrichtung zu Jagdzwecken gab er in wahrgenommener Einflußnahme auf das Raubwesen einen Schuß ab. Dieser wurde in Fortführung der Raubtiervernichtungskartei auf Kreisebene nach Empfangnahme des Geschosses ablebig.

Die gespreizte Beinhaltung des Totgutes weckte in dem Schußgeber die Vermutung, daß der Leichnam Menschenmaterial beinhalte. Zwecks diesbezüglicher Feststellung öffnete er unter Zuhilfenahme eines Messers den Kadaver zur Totvermarktung und stieß hierbei auf die noch lebhafte R. nebst anliegender Großmutter. Durch die unverhoffte Wiedererlangung der Freiheit bemächtigte sich der beiden Personen ein gesteigertes, amtlich nicht zulässiges Lebensgefühl, dem sie durch groben Unfug, öffentlichen Ärgernis erregenden Lärm und Nichtbeachtung anderer Polizeiverordnungen Ausdruck verliehen, was ihre Haftpflichtigmachung zur Folge hatte.

Der Vorfall wurde von den kulturschaffenden Gebrüdern Grimm zu Protokoll genommen und starkbekinderten Familien in Märchenform zustellig gemacht. Wenn die Beteiligten nicht durch Hinscheid abgegangen und in Fortfall gekommen sind, sind dieselben derzeitig noch lebhaft und vernehmungsfähig.

(Der Name des Autors ist mir leider unbekannt)

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