(Zuletzt aktualisiert: 11. November 2004)

Ernst Moritz Arndt:
     Die schönsten Märchen

Dieses Buch ist auf Weltreise: Siehe BookCrossing-Seite dieses Buches.

Der Dichter Ernst Moritz Arndt ist in erster Linie nicht gerade als Verfasser von Märchen bekannt, sondern als politisch engagierter Patriot, Ernst Moritz Arndt: Die schönsten Märchen der sich u. A. durch Schriften gegen Napoleon einen Namen machte. Da er auf der Insel Rügen geboren wurde (wo ich im Sommer 2003 Urlaub gemacht habe) und in Bonn (meinem Wohnort) gelebt hat und gestorben ist, war mir der Name Ernst Moritz Arndt gut bekannt, als mir das Buch 'Die schönsten Märchen' vor die Augen kam, und meine Neugier war geweckt. Interessant daran erschien mir beim Kauf des Buches vor allem, dass viele der Märchen einen klaren Bezug zur Sagenwelt und zur Landschaft der Insel Rügen haben.

Über dieses Buch:

"Ernst Moritz Arndt (1769-1860) hat 'Märchen und Jugenderinnerungen' verfasst, die ihn - neben den Brüdern Grimm, Bechstein, Hauff und Andersen - als einen der Großen der Märchenromantik ausweisen.
Dieser Band vereint die schönsten und fantasiereichsten Märchen des Dichters, die in vielen Fällen auf Sagenmotive seiner Rügener Heimat zurückgehen. Arndts Märchen haben einen ganz besonderen Ton. Seine Welt ist bevölkert von unschuldig verleumdeten und verzauberten Prinzessinnen wie der schönen Svanvithe, tapferen Prinzen und Bauernsöhnen, teuflischen Wesen wie dem tückischen Rattenkönig Birlibi, lustigen und anrührenden Tiergestalten wie den sieben bunten Mäusen.

MIt Illustrationen von Philipp Otto Runge und Moritz von Schwind und einem Vorwort von Ursula Schulze."

Über den Autor:

"Arndt wurde am 26.12.1769 in Groß-Schoritz als Sohn eines ehemaligen Leibeigenen auf Rügen geboren. Er studierte Geschichte und Theologie. 1805 wurde er Professor in Greifswald. Wegen seiner antinapoleonischen Flugschrift "Geist der Zeit" mußte er nach Stockholm fliehen. Er folgte 1812 dem Freiherrn vom Stein als Privatsekretär nach Petersburg. Arndt starb am 29.01.1860 in Bonn." (Projekt Gutenberg-DE)

Ausführlichere Informationen über Ernst Moritz Arndt und seine Werke gibt es auf folgenden Internet-Seiten:

Meine Bewertung:

Anspruch:
Spannung:
Humor:

Eine schöne Gute-Nacht-Lektüre für Romantiker. Wer die Insel Rügen mag, wird wohl auch Gefallen daran finden. Und wer christlich-fromme Mädchen grundsätzlich für 'gut' und alle Hexen für 'böse' hält, kommt hier voll auf seine Kosten.

Arndt schreibt meist nicht einfach: 'Es war einmal in einem fernen Land...', sondern er benennt Ortsnamen und andere Gegebenheiten, wie zum Beispiel am Anfang des Märchens Thrin Wulfen, das so beginnt: 'Nicht weit von Schoritz, zwischen Schoritz und Pudmin, an dem Wege, wo man von Garz nach dem Zudar fährt, lag einst ein kleines Dorf, das hieß Güntz, worin ein paar Bauern wohnten, die nach Schoritz zu Hofe dienten'. Doch trotz dieser geographischen Festlegung des Geschehens bleiben die Geschichten selbstverständlich 'sagen'haft und märchenhaft; die geschilderten Ereignisse sind phantasiereich und im Übernatürlichen angesiedelt. Zauberer, Hexen, Verwandlungen und teuflisches Treiben, dem mit christlicher Frömmigkeit begegnet werden muss, sind die Zutaten, derer sich Arndt reichlich bedient.

Das Buch enthält neben einem Vorwort der Germanistin Ursula Schulze und der ausführlichen Einleitung mit Widmung Arndts an seine Schwester Dorothea ('An Gottsgab') folgende Märchen:
· Der Wolf und die Nachtigall (1) (2)
· Prinzessin Svanvithe
· Geschichte von den sieben bunten Mäusen
· Schneeflöckchen
· Der Schlangenkönig
· Aschenbrödel
· Rattenkönig Birlibi
· Thrin Wulfen
· Der Wiedehopf
· Rotkehlchen und Kohlmeischen
· Das schneeweiße Hühnchen
· Der Baurendom

Wer mag, kann sich die Märchen zum Teil auch online über die obenstehenden Links zum Projekt Gutenberg-DE anschauen. Zum gemütlichen Lesen ohne nervende Tipp- bzw. Scanfehler empfehle ich jedoch das Buch, das mit Hardcover und festem Papier ausgestattet ist. Denn auf Dauer ist es doch nervend, wenn man jedesmal überlegen muss, ob 'Helden' oder 'Heiden' gemeint sind. Diese Art von Fehlern kommt im Projekt Gutenberg jedoch häufig vor.

Als kurze Leseprobe biete ich hier den Anfang des Märchens Svanvithe, das ein weiteres Beispiel für die Festlegung auf ein bestimmtes Fleckchen der Insel Rügen bietet, die für Arndts Märchen so typisch ist. Auch die angesprochene Abgrenzung zwischen Christentum und Heidentum wird hier klar erkennbar. Bemerkenswert ist hierbei jedoch, dass die Götzen-Kirchen als 'herrlich' bezeichnet werden und dass es die Christen waren, die dort gemordet und zerstört haben. Arndt, der seine Schwester Dorothea klar erkennbar durch die Märchensammlung zu christlichen Tugenden und einem frommen Leben anleiten wollte, wird hier ungewöhnlich deutlich, was die Vergangenheit der christlichen Eroberer des Schlosses betrifft.

Über den Namen 'Svanvithe' schreibt Ursula Schulze übrigens im Vorwort des Buches: "Hinter der Namensähnlichkeit von Svanvithe verbirgt sich keine Version des Schneewittchen-Märchens; es gab eine slawische Gottheit Svantevit, die in Arkona auf Rügen verehrt wurde".

Auch in einer weiteren Hinsicht ist dieses Märchen bemerkenswert, wenn man es mit den meisten anderen Märchen vergleicht, ob sie nun aus Arndts Märchensammlung oder aus Grimms Märchen oder aus sonstigen Sammlungen stammen: Der Zauber in diesem Märchen hält bis in die Jetzt-Zeit an. Die Prinzessin Svanvithe wird nicht erlöst, sondern wartet bis zum heutigen Tag auf ihre Erlösung, die schon mehrfach fehlgeschlagen ist. Fast am Ende des Märchens heißt es: "So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld, und muß da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich. Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Sie sagen, der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein Schuhmachergesell, der Joachim Fritz hieß." Ein Märchen, bei dem das Happy-End also noch auf sich warten lässt. Hier aber erst einmal der Beginn des Märchens Svanvithe von Ernst Moritz Arndt:

   Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz, wo jetzt der Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen, worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloß haben vor langer langer Zeit die Christen eingenommen, alle Heiden totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See hinreitet. Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei der alte König des Schlosses, und er habe eine güldene Krone auf. Das ist aber alles nichts. Daß es aber um Weihnachten und Johannis in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaub ich aber nicht; denn was sollten die Heiden an christlichen Festtagen läuten? Aber das Klingen und Läuten im See ist dir gar nichts gegen das, was im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und dies ist eine sehr traurige Geschichte.
   In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloß von den Christen belagert ward und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte. Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht recht mehr hören und sehen konnte, aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem schönen aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet, viel größer, als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters Kornboden aufgeschüttet sind. Als nun das Schloß zu Garz von den Christen in der Belagerung so geängstet ward und viele der tapfersten Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht vermauern lassen; er aber wußte noch einen kleinen heimlichen Gang, der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer, als das Schloß, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch wußte als er und wo er hinausschlüpfen und sich draußen bei den Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloß von den Christen erobert und zerstört ward und die Männer und Frauen im Schlosse getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Türme und Mauern über einander, und die Türe der Goldkammer ward gar verschüttet, auch blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine Schätze gehabt hatte. Der alte König aber saß drunten bei seinen Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen, und hat noch viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloß zerstört war; denn sie sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hängen, können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte eisgraue Mann noch viele viele Jahre und mußte sein Gold bewachen, bis er ganz dürr und trocken ward wie ein Totengerippe. Da ist er denn gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden, und muß nun als ein schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer rund gehen, als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand. So haben die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters Heidengräber gewesen sein, und die Heiden haben immer viel Silber und Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so rundlaufen muß, wann andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen, weil er so geizig gewesen ist. (weiter bei Gutenberg-DE)


Mein ganz persönliches Fazit über dieses Buch, das ich im Oktober 2004 gelesen habe: Arndts Märchen unterscheiden sich in Erzählweise und Aufbau deutlich von den bekannteren Märchen anderer Sammlungen. Das macht sie interessant und lesenswert. Für meinen Geschmack etwas nervtötend sind allerdings manchmal die ausführlichen moralisierenden Bemerkungen Arndts. Wir wissen ja: Wer arm ist und einfältig-fromm, ist im Märchen immer gut. Während andere Märchenerzähler solche Schlussfolgerungen dem Leser überlassen (der ja eigentlich in der Lage sein sollte zu erkennen, welches Verhalten zum guten Ende geführt hat), werden diese moralisierenden Schlussfolgerungen bei Arndt allzu gerne und häufig ausformuliert. Aber es sind halt Märchen. Auch Dorothea (Gottsgab) wird irgendwann gemerkt haben, dass im echten Leben nicht alles so ist, wie es ihr großer Bruder Ernst Moritz Arndt weismachen wollte.

Oben gezeigte Ausgabe: Ernst Moritz Arndt: Die schönsten Märchen. Mit einem Vorwort von Ursula Schulze. 178 Seiten. ©2002 Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich. ISBN 3-538-06940-9..

Übrigens: Dieses Buch ist auf Weltreise. Siehe BookCrossing-Seite dieses Buches.


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