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Editorial März 2005

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Herzlichen Glückwunsch, Zeugen Jehovas!

Da lese ich doch heute (25.03.2005) auf 'Spiegel Online' und auf 'tagesschau.de mobil' (kostenlos mit AvantGo auf meinem Organizer), dass die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas nach einem über 10jährigen Rechtsstreit mit dem Land Berlin nun als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden muss. So die gestrige Entscheidung des Berliner Oberverwaltungsgerichtes. Herzlichen Glückwunsch, Jehovas Zeugen!

Welch ein Zufall: Für die Zeugen Jehovas kam die Entscheidung des Gerichtes genau pünktlich zum 'wichtigsten Tag des Jahres' - dem Tag, an dem Jehovas Zeugen die jährliche Abendmahlfeier begehen. Welch ein passendes Datum, um eine christliche Gruppe, die sich nach eigenem Bekunden an der Gemeinde der Urchristen orientiert, quasi zur 'Staatskirche' zu erheben. Den anderen 'Staatskirchen' in diesem Lande scheint es allerdings das Osterfest zu vermasseln: Großes Gezeter seitens der Sektenbeauftragten. Hat man ihnen pünktlich zum Gründonnerstag ein faules Osterei ins Nest gelegt?

Einer der Punkte, der seitens der kirchlichen 'Sektenexperten' und auch vom Land Berlin immer wieder vorgetragen wird, wenn es darum geht Jehovas Zeugen zu kritisieren oder ihnen die gewünschte rechtliche Anerkennung zu verweigern, sind 'psychische Sanktionen für Aussteiger'. Immer wieder kann man hören, wie schwierig es für einen Zeugen Jehovas sein soll, wenn er die Gemeinschaft der Zeugen verlassen möchte.

Meine persönliche Erfahrung diesbezüglich war folgende: Für mich war es nicht schwierig, es gab keine nennenswerte Ausübung von Druck auf mich. Natürlich war man besorgt und hat sich in 1 oder 2 persönlichen Gesprächen erkundigt, ob man mir 'helfen' könne ('im Glauben wieder stark zu werden', etc.). Soweit finde ich das auch ganz okay und verständlich. Man ist viele Jahre zusammen einen bestimmten Weg gegangen, und dass man jemanden nicht kommentarlos ziehen lässt, solange man noch annimmt, dass er vielleicht auch Hilfe wünscht, ist ja wohl klar. Dies zähle ich nicht zu 'psychischen Sanktionen'. Man sollte bedenken, dass die anderen vermutlich aus ehrlichen Motiven nachfragen, weil sie selber ja nach wie vor von der Richtigkeit ihres Weges überzeugt sind.

Bedenklich finde ich jedoch die Art und Weise, wie andere Zeugen Jehovas (Freunde, Familienangehörige) manipuliert werden, den Kontakt so weit wie möglich einzuschränken. Aus Sicht der Zeugen Jehovas natürlich nachvollziehbar: Es könnte ja sein, dass ich den verbliebenen Zeugen erzähle, was mich veranlasst hat zu zweifeln und meinen 'christlichen' Lebensweg aufzugeben. Und da man keinen (weiteren) Mitgliederschwund riskieren möchte, ist es am einfachsten, wenn man ein Gedankengebäude errichtet, dass Zeugen Jehovas und 'Ehemalige' möglichst weit auf Distanz hält. Das gleiche Problem gab es schon bei der Gemeinde der Urchristen vor ca. 2000 Jahren und selbst im alten Israel vor noch längerer Zeit. Und deshalb ist die Bibel voll mit passenden Schrifttexten, die sich heute sehr dazu eignen, Zeugen Jehovas von ihren 'ungläubigen' Verwandten und Freunden fernzuhalten.

Meine Schwestern behalten da bisher zum Glück ein recht gesundes Augenmaß und vergessen trotz religiöser Unterschiede nicht die Bedeutung liebevoller familiärer Bande. Ich lasse ihnen ihren Glauben, so wie sie mir meinen Unglauben lassen. :-) Aber leider habe ich selbst schon mehrere Fälle erlebt, wo ehemals gute Freunde nun meinen, sich und ihre Kinder vor meinem schädlichen Einfluss, etc. schützen zu müssen. 'Unabhängiges Denken' ist bei Zeugen Jehovas ein gefürchteter Geisteszustand, ein sehr negativ behafteter Begriff. Daher bin ich nun 'schlechte Gesellschaft'. Und dies nur deshalb, weil ich irgendwann aufgehört habe, Zweifel und Unglauben unter den Teppich zu kehren. Ich hab ihnen nie was getan, aber nun fürchten sie sich vor mir, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte.

Aber damit kann ich leben. Die 'psychischen Sanktionen' wirken nicht auf mich als Aussteiger ein, sondern auf die verbliebenen Zeugen Jehovas. Sie werden immer wieder latent daran erinnert, wie gefährlich, unweise und sündig es ist, enge Gemeinschaft mit 'Ungläubigen' zu haben. Bei ehemals Gläubigen ist es natürlich alles noch schlimmer.

Wohin solches Denken führt? Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis möchte ich Euch erzählen. Da war vor einigen Jahren ein junges Mädchen, die hat sich vielleicht im Alter von 10 oder 12 Jahren (?) als Zeugin Jehovas taufen lassen. Einmal abgesehen davon, dass man dies wohl kaum als 'Erwachsenentaufe' durchgehen lassen kann, und dass Zeugen Jehovas selber mit dem Finger auf die Kirchen zeigen und betonen, Jesus sei bei seiner Taufe 30 Jahre alt gewesen: Es dauerte nicht lange nach der Taufe, und es wurde aus dem folgsamen und frommen Kind eine weitgehend hormongesteuerte, rebellische Jugendliche, die ihre Grenzen zunächst mit einem Doppelleben auszutesten versuchte. Ganz cool heimlich rauchen, etc. So weit, so normal. Das kommt öfter vor, natürlich auch in Familien von Zeugen Jehovas.

Im Unterschied zu manch anderen Jugendlichen in der Versammlung, die ebenfalls mal für eine Zeitlang solche Phasen durchmachten, war diese Jugendliche jedoch eine getaufte Zeugin Jehovas. Die Ältesten nahmen sich daher (auf Wunsch der Eltern!) den Sünden der Tochter an, und die böse böse Raucherin wurde aus der Versammlung ausgeschlossen. Nun wird sie zeitlebens auch als Erwachsene von der Versammlung und den eigenen Eltern geächtet, nur weil sie sich als Kind durch die Taufe einer Entscheidung unterzog, die sie damals noch überhaupt nicht überblicken konnte. Gewissermaßen wurde hier 'Erwachsenen-Strafrecht' angewandt auf eine damals 14- oder 15-Jährige.

Neulich schrieb sie ihrer Familie einen Brief, in dem sie betonte, dass sie den Umgang mit den Eltern und den Geschwistern vermisst. Sie schrieb von Herzen, wie wichtig ihr ein guter Kontakt zur Familie sei, aber zurück kam nur ein Thema: Religion. Sie bekam Sätze zu lesen wie "Unser Glaube ist und wird auch immer der einzig wahre Glaube sein. Es ist kein Glaube den man nach belieben auf Seite legen kann, sondern es ist ein Lebensweg. Dadurch das Du Jehovas Lebensweg verlassen hast, ändert sich nichts an der Tatsache, daß Jehova eine Realität ist und das er seinen Vorsatz bezüglich der Erde verwirklichen wird. Wo stehst Du dann?". Angeblich macht dies den Eltern sehr zu schaffen. "Wir beten, dass Jehova uns die Kraft gibt, es zu ertragen". Mit anderen Worten, sie hat die Wahl: Entweder kommt sie zurück zu den Zeugen Jehovas und hat dann auch ihre Familie wieder. Oder sie schliesst sich dieser Form des 'Christentums' nicht wieder an, wobei es nur ihre eigene Schuld ist, dass sie dann 'natürlich' auf ihre Eltern und Geschwister verzichten muss. Die Frage nach Glauben und Religion spielt anscheinend nur eine untergeordnete Rolle. Man könnte auch sagen: "Komm zurück, egal aus welchen Motiven"...

"Unser Glaube ist und wird auch immer der einzig wahre Glaube sein." Was für ein toller Satz. Das sagen auch palästinensische Selbstmordattentäter, islamistische Flugzeugterroristen oder irische Untergrundkämpfer. Mal sehen, ob die irgendwann in Deutschland auch 'Körperschaft des öffentlichen Rechts' werden dürfen.

Bonn, im März 2005

Euer Roland

PS: Mit der Aussage im letzten Absatz möchte ich die Handlungsweise der Zeugen Jehovas selbstverständlich NICHT auf eine Stufe stellen mit den anderen genannten Gruppen. Auch wenn mich die fundamentalistische Einstellung der meisten Zeugen Jehovas sehr ärgert, und auch wenn ich mit dem Lehrgebäude der Wachtturm-Gesellschaft nichts mehr anfangen kann, schätze ich dennoch nach wie vor an Jehovas Zeugen ihren konsequenten Verzicht auf Waffengewalt und ihre eindeutige Einstellung gegen den Militärdienst.
Der Vergleich zu den genannten gewaltbereiten Gruppen zielt daher NICHT auf die Methoden der Zeugen Jehovas zur Durchsetzung ihrer Ziele, sondern auf die Frage an den Staat und an die deutsche Gerichtsbarkeit, wie man denn eine Gruppe, die sich durch Intoleranz und fundamentalistische Tendenzen auszeichnet, mit besonderen Privilegien (wie dem Körperschaftsrecht) versehen kann.

Bisher sind folgende Editorials erschienen: